Pastor i.R. Hans-Peter Hellmanzik setzt sich im AZ-Interview für ein Engagement von Pastoren ein

Wie politisch darf die Kirche sein?

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Pastoren und Bischöfe sollen sich in die politische Diskussion einmischen, fordert der ehemalige Bad Bevenser Pfarrer Hans-Peter Hellmanzik bei der Veranstaltung „Religion und Politik“ im Brauhaus des Klosters Medingen.

Medingen. Dürfen sich Pastoren und Kirchenvertreter zu aktuellen Fragen äußern, oder sollen sie sich auf die Verkündigung konzentrieren? Über diese Frage wird schon seit Jahrzehnten gestritten.

Der ehemalige Bad Bevenser Pastor und Psychotherapeut Hans-Peter Hellmanzik vertritt in dieser Debatte eine klare Position, die er am Sonnabend als Referent bei einer Veranstaltung des Gustav-Stresemann-Instituts zum Thema „Religion und Politik“ im Brauhaus des Klosters Medingen vertrat. Pastoren und Bischöfe sollen sich einmischen, fordert er im Interview mit AZ-Redakteur Gerhard Sternitzke.

AZ: Evangelische Pastoren nehmen außerhalb der Kirche selten das Wort „Gott“ in den Mund. Trauen sie sich nicht mehr, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu vertreten?

Das mag hier und da bei evangelischen Pastoren zutreffen. Für mich ist die Formel „Gott“ keine Geheimformel für den kirchlichen Bereich, sondern eine Formel, die unser allerletztes Aufgehobensein in einem größeren Ganzen beschreibt.

AZ: Wie erklären Sie sich, dass andere Pastoren solch eine Scheu haben? 

Ich kann es mir nur so erklären, dass dieses Wort, diese vier Buchstaben in der Geschichte auch unseres Landes oft missbraucht wurden. Denken Sie nur an die Aufschrift auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges: „Gott mit uns“! Mit Gott geht man nicht hausieren, man geht damit sorgfältig um.

AZ: Der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, gilt als politischer Kopf, der beherzt zu aktuellen Themen Stellung nimmt. Vielen im Kirchenvolk ist die Kirche dagegen zu politisch. Müsste sie sich nicht wieder stärker auf ihre Kernkompetenz besinnen? 

Die Kernkompetenz des evangelischen Glaubens, des christlichen Glaubens überhaupt ist immer eine Kompetenz, die in die Gesellschaft hineinreicht. Sonst wäre es nichts anderes als eine private Verinnerlichung irgendeiner persönlichen Neigung. Und christlicher Glaube zielt immer auf das große Ganze, auf die Durchdringung der Gesellschaft ab. Die Diskussion wird vermutlich nie abzuschließen sein, aber es braucht immer eine Ermutigung von Seiten derer, die vornean sind, wie in diesem Falle dem neuen Ratsvorsitzenden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er die politische Dimension des Christentums wieder ganz stark nach vorne bringt.

AZ: Wer sich als Kirchenvertreter regelmäßig zur Tagespolitik äußert, sollte doch lieber in eine Partei gehen, ist immer wieder zu hören. 

Diese Meinung teile ich schlicht und ergreifend nicht. Zu sagen: Der Begriff „Gott“ oder „Glaube“ sei in einer parteipolitischen Arbeit tabu, ist ein völliger Fehlansatz.

AZ: Es geht dabei ja eher um politische Äußerungen von Kirchenvertretern vom Pastor bis zum Bischof oder EKD-Vorsitzenden. Und dazu sagt der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf: „Auch der Theologe darf, ja soll am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Aber er darf dabei nicht eine irgendwie geartete höhere Autorität beanspruchen.“

Jedenfalls dann nicht, wenn er meint, das sei jetzt eine absolut gültige Wahrheit und die sei nicht hinterfragbar. Aber der gesellschaftliche Diskurs verlangt nicht Zurückhaltung – siehe die Debatte im Bundestag zum Thema aktive Sterbehilfe – sondern verlangt Engagement, und zwar auch deutlich sichtbares, spürbares Engagement.

Nichtsdestoweniger haben Sie als Kirche das Problem, dass allzu eindeutige Stellungnahmen quer zu einem Teil oder sogar der Mehrheit des Kirchenvolks liegen könnten.

Durchaus. Ich erwarte aber von den Gemeindegliedern, dass sie sich an dieser Diskussion, welches Thema auch immer im Vordergrund steht, aktiv beteiligen. Und in den Gemeinden, den Gruppen, Gesprächskreisen passiert das auch. Das wird von der Öffentlichkeit wahrscheinlich so nicht wahrgenommen.

AZ: Bei den Gemeindemitgliedern könnte der Eindruck entstehen, wenn der EKD-Vorsitzende oder Bischof sich äußert, dann ist das kirchliche Leitlinie für die Mitglieder. 

Das ist das Schöne im evangelischen Bereich, dass diese Meinung gar nicht aufkommen kann. Da ist wirklich jeder evangelische Christ mündig genug, eine eigene Meinung zu entwickeln, die konträr ist zur Meinung eines Ratsvorsitzenden.

AZ: Wenn dessen Äußerung keinerlei Verbindlichkeit hat, könnte sie ungehört verpuffen.

Wir werben mit Argumenten und nicht mit amtlichen Autoritäten. Das ist eher der katholische Ansatz.

AZ: Der machtbewusster ist. Täuscht der Eindruck, oder teilen Kirchenvertreter sehr oft Positionen von SPD und Grünen? 

Der Eindruck täuscht nicht. Ich habe mich sehr gewundert, dass sich im SPD-Bereich, in dem ich zu Hause bin, sehr viele Theologen engagieren, von den unteren Gliederungen bis in den Bundestag, was mich sehr freut.

AZ: Hat die Kirche umgekehrt ein Problem mit der Partei, die das „C“ für „christlich“ im Namen trägt? 

Ein Problem nicht, ganz gewiss nein.

AZ: Wie kommt es dann, dass protestantische Kirchenvertreter sich etwa im Bundestag vor allem bei Rot-Grün finden? 

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich in einer Landgemeinde war. Das war genau die Zeit, als die Friedensbewegung en vogue war und wir Pastoren ständig aufgefordert wurden, Stellung zu beziehen, wenn irgendwelche Raketenbasen in der Nähe aufgestellt werden sollten – als Verteidigung gegen die Bedrohung aus der damaligen Sowjetunion. Da war es sehr interessant, dass die Pastoren, die der Partei mit dem „C“ nahestanden, große Schwierigkeiten hatten, sich dazu eindeutig zu verhalten. Das wird wohl die Begründung sein, warum da so wenig Haltung erkennbar ist.

Die Partei mit dem „C“ im Namen vertritt Positionen, die mit einer christlichen Haltung nicht so gut vereinbar sind? 

Jedenfalls dann nicht, wenn die christliche Haltung missverstanden wird als Haltung zur Beförderung der Innerlichkeit. Wer das Ahlener Programm der CDU von 1949 ansieht, staunt über den sozialpolitischen Ansatz von seinerzeit und die Entwicklung, die sich seitdem ergeben hat.

AZ: Kompensieren politische Stellungnahmen vielleicht auch den kirchlichen Bedeutungsverlust? Bis auf Weihnachten sind die evangelischen Kirchen fast leer. 

Ich könnte Ihnen Gemeinden nennen, in denen es sonntags nicht leer ist und in denen die Gemeinde auf ein gutes Wort des Pastors oder der Pastorin wartet. Dort, wo allenfalls die Innerlichkeit gepflegt wird, ist der Kreis der Gottesdienstbesucher relativ klein.

AZ: Ihre persönliche Einschätzung: Wann soll sich die Kirche zur Politik äußern, wann lieber heraushalten? 

Heraushalten grundsätzlich nicht, sondern sich engagieren, sich einbringen, sich sorgfältig informieren.

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