Mehr Herz-OPs via Katheter / „Auf individuell optimale Lösung kommt es an“

Nicht jeder ist wie Mick Jagger

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Der TAVI genannte Eingriff gilt als besonders schonend: Die neue Herzklappe wird dabei per Katheter über die Becken-/Beingefäße bis zum Herzen geführt und ersetzt dort die erkrankte eigene Klappe. 

Bad Bevensen – Mit seinen 75 Jahren ist Mick Jagger nicht mehr der Allerjüngste. Und so ist der Rolling-Stones-Frontman quasi prädestiniert für eine Katheter-gestützte Aortenklappen-Implantation, der er sich kürzlich unterzogen hat.

Denn dieser TAVI (Transcatheter Aortic Va-lve Implantation) genannte Eingriff gilt als besonders schonend: Die neue Herzklappe wird dabei per Katheter über die Becken-/Beingefäße bis zum Herzen geführt und ersetzt dort die erkrankte eigene Klappe. Vor allem bei älteren Patienten oder solchen mit schweren Begleiterkrankungen ist die Methode angezeigt, weil eine Operation am offenen Herzen damit vermieden wird. Immer häufiger wird aber auch bei jüngeren Patienten das TAVI-Verfahren angewendet. Ein Trend, den auch Dr. Katja Bohmann, Oberärztin der Herz-Thorax-Chirurgie im Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen (HGZ), und ihr Kollege der Kardiologie im HGZ, Oberarzt PD Dr. Christof Burgdorf, bestätigen.

„Mit den TAVIs werden sehr gute Ergebnisse erzielt“, sagt Dr. Burgdorf, „und es gibt inzwischen eine deutliche Tendenz, auch Patienten mit niedrigem Operationsrisiko damit zu therapieren.“ Er und Dr. Bohmann bilden das Team, unter dessen Federführung sämtliche TAVI-Eingriffe im HGZ stattfinden. Und beide geben zu bedenken: Von Patient zu Patient müsse sehr genau überlegt werden, um jedem Einzelnen die individuell optimale Therapie anbieten zu können.

Am HGZ wird jeder Fall von einem Herz-Team beraten, das aus jeweils einem Spezialisten aus der Kardiologie, der Herz-Thorax-Chirurgie, aus der Anästhesie, der Radiologie und der Pneumologie besteht. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, schreibt im Übrigen vor, dass TAVIs im Sinne der Qualitätssicherung nur in solchen Kliniken durchgeführt werden dürfen, die über eine Herzchirurgie verfügen. Neben dem HGZ gibt es nur fünf weitere Herzzentren in Niedersachsen: in Hannover, Göttingen, Braunschweig, Oldenburg und Bad Rothenfelde. Bundesweit sind es rund 80.

Am HGZ wird seit dem 26. Mai 2008 das TAVI-Verfahren angewendet – Herzchirurgen und Kardiologen arbeiten dabei Hand in Hand zusammen. „Vor allem die älteren Menschen sind dankbar, wenn sie schon am nächsten Tag wieder aufstehen können“, weiß Dr. Burgdorf um die Vorteile des Eingriffs. Doch es gilt abzuwägen. Während man bei einer chirurgischen Herz-OP von der Haltbarkeit einer neuen biologischen Herzklappe von 15 bis 18 Jahren ausgeht, kann man diesbezüglich bei der TAVI nur wenige Aussagen treffen. Wegen des relativ jungen Verfahrens fehlt es derzeit nämlich noch an Langzeitstudien. „Bislang liegen uns Acht-Jahres-Daten vor“, sagt Dr. Bohmann, „aber die sehen vielversprechend aus.“

Doch bei allem Segen, den die TAVIs bringen – sie bergen auch Risiken. So kommt es beispielsweise relativ häufig dazu, dass TAVI-Patienten nach dem Eingriff einen Herzschrittmacher benötigen. Die künstliche Aortenklappe kann nämlich das Reizleitungssystem stören. Dennoch ist der Aufwärtstrend dieser Kathetergestützten Herzklappen-OP ungebrochen. Auch im HGZ. „Die Eingriffe werden nicht weniger“, prognostiziert Dr. Burgdorf, betont aber noch einmal: Man müsse in jedem einzelnen Fall ganz genau hinsehen. Denn nicht jeder Patient ist wie Mick Jagger.

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