Ziffernblatt wird in schwindelerregender Höhe restauriert

Gerüst am Kirchturm des Klosters: Neues Gold für Medinger Zeitmesser

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Thomas Neidhardt paust die Ziffern an der Kirchturmuhr des Klosters Medingen ab. Wind und Wetter haben Gold und Farbe abgeschmirgelt, erklärt Corinna Lohse von der Klosterkammer.

Medingen. Die ersten Stufen nimmt man im Flug. Geschoss für Geschoss geht es im Baugerüst am Turm des Klosters Medingen in die Höhe. Die Menschen am Boden schrumpfen auf Zwergengröße. Dafür wächst das Unbehagen. Es verstärkt sich, als das erste Gesims erreicht ist.

Die Gerüstbauer mussten hier um die Ecke bauen – auf dem Weg nach oben hängt man in der Luft. Grandioser Blick auf die Dächer der Klosteranlage, das Brauhaus, den Friedhof der Stiftsdamen – und das mulmige Gefühl, soeben den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es geht durch Luken, über wackelnde Leitern und schwankende Bohlen. Bis zur Turmuhr in 26 Metern Höhe, die jetzt saniert wird.

„Zu Anfang habe ich auch ein bisschen Höhenangst, aber das geht dann“, sagt Thomas Neidhardt und grinst. Für den Besucher wirkt es eher so, als wenn sich der 47-jährige hier in schwindelnder Höhe erst so richtig wohl fühlt. Der Restaurator im Handwerk paust mit einem Filzstift die Ziffern der Uhr ab. Wind und Wetter haben im Lauf der Zeit die Farbe von den Kupferblechen gerieben und die gelbe Grundierung freigelegt. Vor allem auf der Westseite über dem Eingang ist die Zeit kaum noch zu erkennen. „Der Wind führt immer Staubpartikel mit, und diese schleifen die Farbe ab“, erläutert Corinna Lohse von der Restaurierungswerkstatt der Klosterkammer.

Neidhard wird die Ziffern in der Werkstatt nach seinen Pausen neu aus Goldblech schneiden, vor Ort aufkleben und den Hintergrund schwarz lackieren. Die Zeiger werden ebenfalls abmontiert und neu vergoldet.

Der Zahn der Zeit hat auch an anderen Stellen des Turms genagt. Direkt über dem Eingang steht eine Vase, der Wind und Flechten zugesetzt haben. Von unten ist sie nicht groß, aber sie überragt Restauratorin Lohse mit 2,30 Meter deutlich. „Sie steht nicht ganz gerade, aber sicher. Es besteht keine Gefahr“, beruhigt sie. Das Schmuckelement wird behutsam abgeschliffen, Risse werden gekittet.

Ebenso werden die Gesimse neu mit einer braunen Farbe auf Leinölbasis gestrichen. Das Eichenholz, das jetzt neu verankert wird, ist auch über 200 Jahre nach der Erbauung im Jahr 1788 stabil, wenn auch rissig. Das Kupferblech-Dach wird auf Dichtigkeit geprüft. Die grüne Farbe wird nicht angetastet, betont Lohse: „Die Patina ist die beste Schutzschicht. Es findet keine weitere Oxidation statt.“

Mit auf dem Gerüst ist auch Christina Lippert, Baudezernentin der Klosterkammer Hannover, die bis Mitte Oktober 40 000 Euro in das Ziffernblatt und die weiteren Arbeiten am Turm investiert. „Wir können unsere Arbeit nur aus unseren Erträgen aus dem Erbbaurecht und aus Waldbesitz finanzieren.“ In Lüneburg hatte die Erhöhung der Erbbaupacht-Zinsen viele Hausbesitzer aufgeschreckt.

Die Klosterkammer unterhält über 800 Baudenkmale in Niedersachsen, allein ins Kloster Medingen fließen jährlich 66 000 Euro.

Von Gerhard Sternitzke

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