Verbände fordert Gestaltung des Jagdrechts

Nach Wolfsriss in Brockhimbergen: Tabulose Debatte soll her

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Eines der von den Wölfen gerissenen Damwildtiere.

ib Brockhimbergen. Der Angriff von Wölfen auf eine Damwild-Herde in Brockhimbergen (AZ berichtete) hat nicht nur kreisweit Entsetzen ausgelöst. Das Landvolk Niedersachsen teilt mit, dass die Halter von Weidetieren sich inzwischen an der Grenze der Belastbarkeit sähen. Trotz immenser Anstrengungen könnten weitere Übergriffe durch den Wolf nicht verhindert werden, heißt es in einer Pressemitteilung.

Auch wollten die Weidetierhalter nicht länger den grausamen Anblick der durch den Wolf gerissenen oder verstörten Tiere ertragen. „Die Tierhalter sind psychisch und physisch ausgelaugt“, resümiert Hartmut Schlepps für das Landvolk. „Im Wettlauf gegen weitere Wolfsübergriffe sind sie ohne echte Bestandsregulierung des Wolfes dauerhaft zum Verlierer verdammt.“ Man wolle den Wolf nicht großflächig bejagen oder ausrotten, sondern auffällig gewordene Tiere abwehren und auch abschießen dürfen.

Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fordert jetzt von Umweltminister Stefan Wenzel „eine der Situation angemessene und tabufreie Diskussion über wirklich wirksame Schritte zum Schutz der bedrohten Weidetierhaltung“. Der AbL-Landesvorsitzende Ottmar Ilchmann verwies abermals darauf, dass es unrealistisch sei, die Flächen ganzer Weidetierhaltungs-Betriebe und sogar ganzer Regionen mit Zäunen einzugrenzen: „Es führt kein Weg um eine tabufreie Debatte vorbei, wie die Weidetierhaltung nicht nur mit Zäunen, sondern vor allem durch eine sachgerechte Gestaltung des Jagdrechts – und die damit verbundene Vergrämung – aufrechterhalten werden kann.“

Wie berichtet, hatten wohl mehrere Wölfe am vergangenen Freitagmorgen 20 Tiere einer Damwild-Herde in Brockhimbergen getötet und drei weitere so schwer verletzt, dass diese erlöst werden mussten. Besonders aufwühlend: Eines der verletzten Tiere lag stundenlang am Boden. Während Halter Jochen Strampe der festen Überzeugung gewesen sei, nichts an den Ergebnissen des Geschehens verändern zu dürfen, betont Wolfsberater Klaus Bullerjahn, dass das Tier sehr wohl hätte erlöst werden dürfen.

Im Visier der Wölfe: Züchter bewachen Tag und Nacht ihre Weide

Die insgesamt 23 toten Damtiere wurden auf Anhänger verladen und zum Abdecker gefahren.

„Wir sind dazu angehalten, nichts an den Tatsachen zu verändern“, sagt Jochen Strampe. Und daran habe er sich gehalten. Nach dem Angriff von Wölfen auf seine Damtier-Zucht vom vergangenen Freitagmorgen hatte er, wie berichtet, ein verletztes Tier stundenlang liegen lassen müssen – in der festen Überzeugung, es nicht erlösen zu dürfen. Ein Irrtum, wie Wolfsberater Klaus Bullerjahn gestern im AZ-Gespräch betont. „Es gibt nirgendwo eine entsprechende Vorschrift.“ Irgendwann konnte Jochen Strampe es auch nicht mehr ertragen: Als der ganze Rummel um seine gerissenen Tiere vorbei war und alle gegangen waren, habe er sein verletztes Tier erlöst. „Es wäre mir auch egal gewesen, was der Wolfsberater dann gesagt hätte.“ Doch der habe ihm bestätigt, genau das Richtige getan zu haben.

Dieser Fall offenbart, viele Unsicherheiten es anscheinend derzeit bei den Weidetierhaltern gibt, wenn es um den Wolf geht. „Da mag etwas in den falschen Hals gekommen sein“, vermutet der zuständige Wolfsberater Klaus Bullerjahn. Denn zurzeit sei es so, dass ein verletzter Wolf – beispielsweise nach einem Unfall – erst dann erlöst werden dürfe, wenn ein Amtsveterinär dies so entschieden habe. Im Falle von verletzten Weidetieren gelte das ausdrücklich nicht, betont Bullerjahn, um künftige Irritationen zu vermeiden. Fakt sei: „Für eine DNA-Probe muss kein Tier liegen bleiben.“ Nur Hunde sollten nicht auf die Weide gelassen werden, um keine Spuren zu verfälschen.

Die DNA-Proben von dem Vorfall in Brockhimbergen würden jetzt zwar ausgewertet, aber für den Wolfsberater ist schon jetzt ganz klar: „Das waren Wölfe.“ Möglicherweise sogar das Vierer-Rudel aus der Göhrde, bestehend aus einer Mutter und deren drei Jungen, das vermutlich schon am 21. November bei Oetzendorf fünf Schafe gerissen hatte (AZ berichtete). Parallelen seien durchaus vorhanden: Die Raubtiere hätten am Morgen zugeschlagen und zeigten sich am Tage – auch in Gegenwart von Menschen.

Und genau diese wenig vorhandene Scheu sei ein Problem. „Da sind wir an einem Punkt, den wir uns nicht lange angucken können“, meint Klaus Bullerjahn und bedauert, dass es diesbezüglich keine Initiative des Landes gebe. „Da fehlen Visionen“, sagt er.

Jochen und Gina Strampe fehlt in diesen Tagen vor allem Schlaf. Die Züchter der angegriffenen Damwild-Tiere in Brockhimbergen schlagen sich seit Freitag jede Nacht um die Ohren und beaufsichtigen ihre Weide. Jochen Strampe hat zwar die Fläche verkleinert und eine Elektrolitze in Bodennähe gezogen, um zu verhindern, dass sich die Wölfe nochmals unter dem Zaun hindurch buddeln. So ganz traut er der Maßnahme aber nicht.

Und dass die Wölfe sich nach wie vor für Strampes Damwild interessieren, davon durften sich er, seine Frau Gina und einige junge Leute aus dem Ort eindrücklich überzeugen: Nachdem man gemeinsam die Elektrolitze gezogen habe, sei man in der Dunkelheit noch einmal mit einem Nachtsichtgerät auf die Weide gegangen. „Da stand ein Wolf oben auf dem Feld“, so Strampe, „und als wir uns umdrehten, stand auf der Straße, etwa 20 Meter entfernt, ein weiterer Wolf.“ Auch am Freitagmittag habe jemand mit seinem Handy einen Wolf fotografiert, der in Sichtweite auf einer Feldkuppe stand. „Er hat beobachtet, wie wir alle bei den toten Tieren auf der Weide standen.“

Trotz mannshohem Zaun: Wölfe töten 20 Tiere im Blutrausch

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