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Müssen Behinderte draußen bleiben?

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Ein Mann auf einem E-Mobil, auch Scooter genannt, fährt in eine U-Bahn.
Ein Gehbehinderter mit E-Mobil im öffentlichen Nahverkehr – in der U-Bahn kein Problem, in den Bussen im Landkreis Uelzen offenbar schon. ©  dpa

Ein frostiger Morgen. Andrea Bauch steht an der Haltestelle in Tätendorf, aber sie wartet vergeblich. Der Bus nach Bad Bevensen fährt an ihr vorbei, ohne zu halten, auch ein zweiter und ein dritter. Sie steht nicht auf ihren eigenen Beinen, sondern sitzt auf einem Elektromobil.

Tätendorf – Die Prothese kann sie nicht tragen. In ihrer Not nimmt die 61-Jährige den Bus in die andere Richtung, der auch hält, und nimmt von Uelzen den Zug zur Kurstadt. Gerade noch rechtzeitig erreicht sie den Arzttermin im Herz- und Gefäßzentrum (HGZ).

„Das finde ich unmenschlich“, sagt die Thüringerin, die sich seit Oktober einer ambulanten Behandlung von Herz und Beinvenen unterzieht. An dem Tag habe das Thermometer fünf Grad minus angezeigt. Um nach Bad Bevensen zu gelangen, ist die Patientin auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, verfügt dafür auch über einen Behindertenausweis mit dem Merkzeichen aG, das steht für „außergewöhnlich gehbehindert“.

Ich spreche auch für viele Behinderte, die sich nicht trauen, was zu sagen.

Andrea Bauch, Betroffene

„Man muss zum Arzt, man muss zum Einkaufen. Ich bin darauf angewiesen“, erklärt Andrea Bauch. „So was geht gar nicht in einer Kurstadt.“ Mit dem von der Krankenkasse verschriebenen E-Mobil kann sie sich gut in der Kurstadt bewegen, aber der Weg dorthin ist zu weit. Die meisten Busfahrer nehmen sie auch mit, betont Andrea Bauch. Einer, der keine Rampe am Bus hatte, habe sogar einen Kollegen gerufen, der sie transportierte. Andere weigern sich. Vielleicht weil es ihnen zu viel ist, die Rampe herauszuziehen, vermutet sie. „Der RBB ist aber verpflichtet, mich mitzunehmen“, beharrt die Thüringerin. „Ich spreche auch für viele Behinderte, die sich nicht trauen, was zu sagen.“

„Uns ist die Bedeutung einer selbstbestimmten und barrierefreien Mobilität von Menschen mit Behinderungen sehr wohl bewusst“, teilt eine Sprecherin der Deutschen Bahn (DB), Muttergesellschaft der RBB, auf AZ-Nachfrage mit. „Seit Jahren unternimmt die DB große Anstrengungen in allen Geschäftsfeldern, um mobilitätseingeschränkten Menschen ein barrierefreies Reisen zu ermöglichen. Deshalb bedauern wir die Situation und können die Kritik nachvollziehen.“

Sicherungsbügel ist in den Bussen nicht vorhanden

Nach ihrer Auskunft sind 90 Prozent der Busse bereits mit Rampen ausgestattet, die vom Fahrer allerdings von Hand ausgeklappt werden müssen. Für eine Beförderung von E-Scootern in Linienbussen müssten jedoch bestimmte Anforderungen im Bus erfüllt sein. „Sie dienen der Sicherheit aller Fahrgäste. Auch wenn es optisch nicht sichtbar ist, sind die Anforderungen hier nicht gegeben“, erklärt die Sprecherin. Bei Neuanschaffungen von Bussen würden neue Ausstattungsmerkmale natürlich berücksichtigt.

E-Mobile im Bus: Was der Landkreis sagt

Laut Landkreis, der für die Busbeförderung zuständig ist, geht es neben einem ausreichend großen Rollstuhlplatz um einen mindestens 28 Zentimeter langen Bügel, der den Scooter sichert. „Dieser stellt sonst im Falle einer Gefahrenbremsung schon aufgrund seines Eigengewichtes ohne Batterie von 64 Kilogramm ein erhöhtes Risiko für die übrigen Fahrgäste dar“, betont Kreissprecher Martin Theine. „Die Fahrzeuge der RBB erfüllen diese erforderlichen Sicherheitsstandards derzeit nicht – und lassen sich nach Aussage des Verkehrsunternehmens auch kurzfristig nicht anpassen –, sodass die Mitnahme eines E-Scooters zurzeit nicht möglich ist.“

Dem steht die grundsätzliche Verpflichtung zur Mitnahme im öffentlichen Nahverkehr nach Paragraf 228 des Sozialgesetzbuches

gegenüber. „Er soll für alle Menschen gleichermaßen zugänglich und leicht benutzbar sein“, erklärt Theine. „Das beinhaltet auch die Mitnahme von Hilfsmitteln wie Krankenfahrstühlen, soweit die Beschaffenheit des Verkehrsmittels dies zulässt.“

Nach dem Nahverkehrsplan 2024 des Landkreises Uelzen sollen die Busse barrierefrei werden, kündigt Theine an. „Die Anforderungen technischer Art an die Fahrzeuge im ÖPNV werden insbesondere bei einer künftigen Ausschreibung berücksichtigt.“ Der Fall von Andrea Bauch sei der erste seit der Umstellung des Linienverkehrs 2016.

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