Belastungsprobe für ältere Bürger

70 Stichstraßen im Uelzener Nordkreis werden nicht mehr von Müllwagen angefahren

Horst Friedrich mit der Mülltonne, die nicht mehr in der Stichstraße abgeholt wird.
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Horst Friedrich (84) muss die Mülltonne jetzt 87 Meter bis zur nächsten Straßeneinmündung ziehen.
  • Gerhard Sternitzke
    VonGerhard Sternitzke
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Die Neuregelung bei der Müllabfuhr in Sackgassen (AZ berichtete) sorgt weiterhin für Aufregung in Bevensen-Ebstorf. Nach einer aktuellen Verordnung dürfen die Fahrzeuge des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) des Landkreises nicht mehr längere Strecken rückwärts fahren.

Medingen – Damit sollen schwere Unfälle ausgeschlossen werden. Für die Anwohner bedeutet dies, dass sie ihre Mülltonnen bis zur nächsten Straße schleppen müssen. Gerade in Bad Bevensen – mit einem besonders hohen Anteil älterer Bürger – gibt es Widerspruch.

Betroffen ist auch die Straße Im Fuchsgrund in Medingen. „Wie sollen wir die Mülltonne so weit ziehen?“, fragt Horst Friedrich. Nach einem Schlaganfall spricht der 84-Jährige etwas schleppend, aber klar. Der Müllwagen sei immer in die Straße gekommen – seit 1964 wohnt er in dem Haus – nun ist es plötzlich nicht mehr möglich. 87 Meter sind es bis zum Sammelplatz, hat er nachgemessen. Der Landkreis rät Betroffenen, sich Unterstützung im Rahmen von Nachbarschaftshilfe zu suchen. „Meine Nachbarn sind 86 und 80. Hier sind so viele alte Leute. Das ist eine Zumutung“, findet der Medinger.

Was Friedrich auch nicht versteht, ist, dass, der Müllwagen nicht einfach den Wendehammer am Ende der Stichstraße nutzt. Eine Testfahrt habe gezeigt: „Der Fahrer schafft das“, sagt Friedrich. Der Landkreis widerspricht. „In dem von Ihnen genannten Wendehammer ist es nicht möglich, ohne mehrfaches Zurückstoßen zu wenden. Insgesamt wären mindestens drei Wendemanöver erforderlich. Auch mittels eines Einweisers kann aufgrund der Wendehammergestaltung nicht das komplette Sichtfeld gewährleistet werden“, teilt Landkreis-Sprecher Martin Theine auf AZ-Nachfrage mit. „Daher ist die Befahrbarkeit mit dreiachsigen Müllfahrzeugen unter Berücksichtigung der einschlägigen Regelungen nicht möglich.“

Maßgeblich ist eine geänderte Vordnung. Rückwärtsfahrten sind nur noch in absoluten Ausnahmefällen möglich, betont Theine. „Ein solcher Ausnahmefall wurde mit der vorliegenden Gefährdungsbeurteilung geprüft und liegt hier nicht vor.“ Der Landkreis ist zwar bei der Abfuhr in der Pflicht, es gibt jedoch kein Recht zur Abholung vor dem Grundstück.

Tatsächlich ereigneten sich in der Vergangenheit schwere Unfälle im Zusammenhang mit der Müllabfuhr. So wurde 2016 in Lüneburg eine 87-jährige Dame gleich zweimal von einem Müllfahrzeug überrollt. Der Fahrer hatte sie offenbar übersehen.

Die Überprüfung der Müllabfuhr ist bereits für die Samtgemeinde Bevensen-Ebstorf und die Gemeinde Bienenbüttel abgeschlossen. Insgesamt werden in diesem Gebiet im Nordkreis rund 70 Stichstraßen beziehungsweise Grundstücksalleinlagen nicht mehr angefahren, so dass die Bewohner die Tonnen zu zentralen Stellplätzen bringen müssen, informiert der Landkreis. In der Stadt Bad Bevensen mit Medingen sind es 20 Straßen, in Ebstorf 15. Teilweise seien nur ein bis vier Haushalte betroffen, betont Theine.

Derzeit werden die Sackgassen in der Samtgemeinde Suderburg überprüft und hinsichtlich der Gefahrenlage beurteilt, teilt Theine mit. Die Hansestadt Uelzen, Bad Bodenteich und die übrige Samtgemeinde Aue stehen noch aus.

Bleibt das Problem der älteren Bürger, die ihre Mülltonnen nun über größere Entfernungen ziehen müssen. Horst Friedrich besitzt einen Schwerbehindertenausweis. Nur mit Mühe bringt er die Tonne bis zur Ecke Bruchtorfer Straße. Das Müllfahrzeug fährt nach seinen Beobachtungen übrigens rückwärts in die Einmündung, um die dort abgestellten Tonnen abzuholen.

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