Essen für Weltverbesserer

Maike Günther will in Haaßel eine Tonne Würmer pro Tag produzieren

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Maike Günther mit ihrer ersten Mitarbeiterin Kristin Warnecke im „Stall“: „Die Würmer wären jetzt in einem leckeren Stadium.“

Haaßel – Im Stall ist es peinlich sauber. Kein Schwein quiekt, kein Rind muht. Metallregale wie in einem Abstellraum, nur das Surren der Klimatisierung ist zu vernehmen – und ein unmerkliches Knirschen, denn die Bewohner sind gerade am Fressen.

Maike Günther zieht eine der grauen Kunststoffkisten heraus. Keine Wäsche, kein Geschirr, keine Lebensmittel befinden sich darin. Nein, Lebensmittel sind es doch. Die 40-Jährige greift eine Handvoll heraus. „Die wären jetzt in einem leckeren Stadium. “ Tausende Mehlwürmer winden sich auf Samen und Mohrrüben. Maike Günthers im vorigen Jahr in Haaßel gegründete Firma Neoprotia ist nach eigenen Angaben Deutschlands erstes Unternehmen, das Insekten für die Lebensmittelproduktion herstellen will.

Neoprotia – der Name ist Programm. „Das Ziel ist, neue Proteine zu erzeugen, die als Fleischersatz verarbeitet werden können“, sagt die studierte Apothekerin und Unternehmensberaterin, die die Firma zusammen mit Jann Mirco Steckel gegründet hat. Von einem Sterne-Koch hat sie eine Charge bereits verarbeiten lassen. Die Bilder auf ihrem Handy lassen eher saftiges Rind erwarten. Tatsächlich ist der Geschmack der Würmer dem von Rindfleisch sehr ähnlich, sagt die frischgebackene Viehzüchterin.

Appetitliche Wurmkost auf dem Teller.privat

„Es schmeckt extrem lecker“, berichtet Maike Günther. „Man kann es als Salat-Topping geröstet, als Bratklopse, als Pastete, Brotaufstrich, Pesto und karamellisiert auf Vanille essen.“ Bislang mussten Feinschmecker und Hersteller Würmer und Heuschrecken aus dem Ausland importieren. Die Novel-Food-Verordnung der EU erlaubt nun die Produktion.

Insekten als Lebensmittel haben aus Sicht der Haaßeler Unternehmer eine große Zukunft. „Es ist ein bisschen Weltverbesserungs-Mentalität“, sagt Maike Günther, die selbst kaum Fleisch isst. „Wenn man Rindfleisch produziert, braucht man für ein Kilo acht Kilo Biomasse, für Insekten benötigt man zwei.“ Die neue Protein-Zucht verbrauche nur ein Hundertstel an Wasser, produziere keine Gülle und setze keine Medimente ein, und natürlich werde bei Haltung und Transport auch weit weniger Kohlendioxid ausgestoßen.

Erfahrung mit Insekten hat die Firmengründerin bereits. Bei einem Pharmaunternehmen züchtete sie eine Fliegenart, aus der eine wundheilende Substanz gewonnen wurde. Ein Jahr hat sie mit ihrem Geschäftspartner, der eine Firma für Reinräume in der Pharmaindustrie betreibt, die Haltungsbedingungen optimiert. Wie warm es Tenebria molitor gern hat und was er am liebsten nascht, das ist Betriebsgeheimnis. Das Kreisveterinäramt hat die Produktionsstätte in einem früheren Einfamilienhaus bereits abgenommen. So ist sichergestellt, dass Würmer oder Heuschrecken nicht etwa durch die Fenster entweichen können und dass der neue Eiweißträger unter hygienischen Bedingungen erzeugt wird. Gastronomieofen und Gefrierschrank stehen schon bereit. Jetzt soll die Produktion hochgefahren werden. Eine Tonne Würmer pro Tag sollen Haaßel verlassen.

Auch die ethische Frage nach der Abtötung der quirligen Eiweißträger ist geklärt. „Wir werden sie schockfrosten“, erklärt Maike Günther. „Das ist der natürliche Weg.“

VON GERHARD STERNITZKE

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