Dirk Bernemann polarisiert in Kurstadt: Die einen wollen mehr, die anderen Goethe

Leben in drastischen Bildern

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Den Mund immer ganz dicht am Mikrofon: Autor Dirk Bernemann ist am Donnerstag in die Kurstadt gekommen, um aus seinen Werken zu lesen. Seine Texte haben Philosophisches, auch wenn er sich in sprachliche Niederungen begibt.

Bad Bevensen. Dirk Bernemann hat Glück. Die Lokführer streiken. Stundenlange Bahn-Odysseen lassen andere verzweifeln. Bernemann hat dann die Zeit, um Gedanken über das Leben in Worte zu fassen. Der Autor schreibt im Zug.

Dort fallen ihm Sätze ein wie dieser: „Das Leben ist Krebs, er zieht Metastasenstraßen durch meinen Leib. “.

In Bernemann steckt ein Philosoph, auch wenn er sich oft in sprachliche Niederungen beginnt. Den gekonnten Spagat zwischen immer wieder zu hörenden Fikalworten und Denkanstößen, die in einem nachklingen, zeigt Bernemann auch am Donnerstagabend, als er – nach einer Zugfahrt von Berlin nach Bad Bevensen – in der Kurstadt im Möbelhaus Reck aus seinem Schaffenswerk liest.

Bernemann hat schon in Klamottenläden gelesen, auch schon in einem Solarium, aber noch nie in einem Möbelhaus, erzählt er der AZ. Die Premiere für Bernemann ist ein Abend voller Gegensätze. Am Pult nimmt der Autor in einem Jogginganzug und mit einer Mütze auf dem Kopf Platz – zwischen Ledersofas und blankpolierten silbernen Schmuckkugeln. Ihm gegenüber sitzen Herren in Sakkos und Frauen im Kostümen. Der 1975 geborene Autor setzt an und lässt seine Zuhörerschaft mit dem Protagonisten aus seinem neu erschienen Buch „Wie schön alles begann und wie traurig alles endet“ durch Berlin laufen. Bernemann vermag mit Worten plastische und drastische Bilder zu erzeugen. Beispielsweise von einem sich quälenden Kaninchen, dem Kinder die Hinterläufe mit einem Stein zertrümmerten.

Die Zuhörerschaft kann auch lachen, weil Bernemann absurde Bezüge herstellt und in seinen Texten urkomische Momente einbaut. Dann wieder bringt er Unerhörtes zu Gehör, dass in den Reihen die Köpfe verschämt zu Boden geneigt werden. Immer wieder tönt das Wort „Scheiße“ aus seinem Mund. Ihm kommen Dinge über die Lippen, die andere nicht denken würden. Dabei liest er die Worte nicht einfach vor, er lässt die Zuhörer die Rhythmen, die er seinen Sätzen gab, spüren. Der linke Arm schwingt dazu auf und ab. Das hat viel von Poetryslam, von dem allerdings Bernemann sagt: „Das ist nicht meins.“

Die literarische Kost müssen die Gäste verdauen, das tun sie bei einem Drei-Gänge-Menü, das zur Lesung gehört. Die einen sind begeistert. Unter jenen im Möbelhaus sind wahre Fans des Autors, die ihn schon öfter hörten. Bernemann, der mehr als ein Dutzend Bücher, unter anderem die Trilogie „Ich habe die Unschuld Kotzen gesehen“, schon veröffentlichte, tourt durch die Republik. Leipzig, Wuppertal, Bochum – und Bad Bevensen. An diesem Abend bekommt der Autor auch neue Fans.

Jedoch hat so mancher seine Schwierigkeiten mit dem Vorgetragenen. In den Essenspausen wird deshalb auch über die Bedeutung von Goethe in der Literatur sinniert. Der schrieb immer wieder über die Liebe – wie auch Bernemann, der als Zugabe bei der Lesung ein Gedicht vorträgt, in dem er die Sehnsucht zu seiner Exfreundin allerdings damit begründet, dass er ihr Rauchen so sexy findet.

Von Norman Reuter

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