Bad Bevensen: Hotelgäste und Rettungskräfte schildern Eindrücke einer dramatischen Nacht

Kurstadt unter Schock

+
Fast komplett zerstört: Die Sanierung des Parkhotels wird nach Aussage von Inhaber Michael Schwarz mindestens ein halbes Jahr dauern.

Bad Bevensen. „Wir hatten schon geschlafen, als plötzlich die Alarmanlage anging. Erst dachte ich, das wäre ein Auto. Aber dann bemerkten wir das Feuer“, erinnert sich Traute Krogmann an die Brandnacht, der Schrecken steht der 83-Jährigen im Gesicht.

Zwei Wochen wollte sie zusammen mit ihrem Mann Dr. Hans-Andreas Krogmann (84) im Bad Bevenser Parkhotel verbringen. Stattdessen sitzt das Ehepaar gestern Vormittag ohne Strümpfe und einen Cent in der Tasche im Hotel „Zum Goldenen Hirsch“. Denn dorthin wurden die beiden Cuxhavener nach dem Brand im Bad Bevenser Parkhotel evakuiert – wie 19 andere Gäste. „Wir wollten uns einfach erholen. Jetzt sind wir froh, dass wir leben“, sagt Traute Krogmann – wohlwissend, dass es einem Gast des Parkhotels anders ergangen ist. Für einen 94-Jährigen aus Sachsen-Anhalt kommt jede Hilfe zu spät. Er verliert in den Flammen sein Leben.

Video zum Brand

„Als wir aufwachten, war der ganze Flur schon verraucht. Wir retteten uns auf den Balkon“, berichtet Dietlind Reber aus Gardelegen. Angesichts der Flammen vollkommen unter Schock habe sie kaum reagieren können. Ihr Mann Jürgen habe einen kühlen Kopf bewahrt und ihr gesagt, was zu tun sei, erzählt die Gardelegenerin, die eigentlich zum Feiern in die Kurstadt gekommen war. Am Montag hatten sie und ihr Mann noch auf seinen 66. Geburtstag angestoßen – wenige Stunden später wurde er vielleicht zum Lebensretter: „Ein älteres Ehepaar musste ich erstmal überzeugen, dass sie mit raus kommen müssen. Sie wollten in ihrem Hotelzimmer bleiben, obwohl schon alles verraucht war.“ Trotz Schock und Höhenangst wagten sie den Weg über Dach und Drehleiter aus dem Gebäude – unterstützt von den Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehren. „Die Feuerwehrleute waren sehr einfühlsam und haben uns sehr geholfen“, betont Dietlind Reber. Draußen angekommen, wurden sie von den Rettungskräften des DRK mit Wolldecken empfangen. Das Hotel Berliner Bär in direkter Nachbarschaft zum Parkhotel öffnete den Gastronomie-Bereich und versorgte die geretteten Hotelgäste. Zahlreiche Hoteliers – unter anderem die Inhaber vom „Kieferneck“ und dem „Goldenen Hirsch“ boten ihre Hilfe an.

„Der Rettungsdienst des DRK hat die Gäste dann auch gezählt und mit der Namensliste des Hotels verglichen. Nur so konnten wir sichergehen, dass niemand vermisst wird“, erklärt Matthias Wedel, der den Einsatz der Feuerwehren leitete, gestern auf Nachfrage der AZ. Mehr als 120 Einsatzkräfte aus Römstedt, Altenmedingen, Himbergen, Barum, Jastorf, Groß Hesebeck, Gollern, Röbbel, Secklendorf, Bad Bevensen und Uelzen sowie die Absturzsicherungstruppe des Landkreises wurden in der Nacht zu Dienstag zu dem Brand nahe der Jod-Sole-Therme alarmiert. „Die rechte Gebäudehälfte hat massiv gebrannt, das Feuer breitete sich schnell aus. Auf der anderen Seite standen Gäste des Hotels auf den Balkonen und warteten darauf, gerettet zu werden. Über das Treppenhaus konnten sie das Haus ja nicht mehr verlassen“, berichtet der Einsatzleiter. Einen ähnlich dramatischen Einsatz habe er vor mehreren Jahren am Heiligen Abend erlebt. Damals habe eine Familie aus einem Einfamilienhaus gerettet werden müssen. Wedel: „Der Einsatz in der vergangenen Nacht war aber noch eine Spur dramatischer, weil es zuerst hieß, es wären noch 30 Personen im Haus.“ Tatsächlich mussten noch 15 Hotelgäste über tragbare Leitern gerettet werden. Ein Atemschutztrupp fand letztendlich auch den toten 94-Jährigen in seinem Zimmer. Er soll noch versucht haben, die Flammen zu löschen. Durch den Rauch sei er vermutlich bewusstlos geworden. „Die Kameraden, die ihn gefunden haben, wurden und werden auch in den kommenden Tagen noch durch die Notfallseelsorge betreut“, sagt Matthias Wedel. „Das ist natürlich ein traumatisches Erlebnis. Auf der einen Seite ist da der Leistungsdruck, ein Leben zu retten und dann der Anblick eines Toten.“

Mehr zum Thema

Parkhotel: Tod im Flammenmeer

Gardelegener entkommen Inferno

Nach dem Großbrand

Auch die Mitarbeiter des Parkhotels waren gestern angesichts des ausgebrannten Hauses geschockt: „Montagabend habe ich die Küche noch ganz normal verlassen und nun das hier. Keiner weiß, wie es jetzt weitergeht. Wir sind alle mit dem Haus verbunden“, erklärte Thorsten Block, der seit fünf Jahren als Koch bei Michael Schwarz angestellt ist. Einige seiner Kolleginnen konnten ebenfalls ihren Augen nicht trauen. Sie standen lange vor dem ausgebrannten Haus, beobachteten das Eintreffen der Brandermittler und das Heranrollen der Neugierigen, die sich aus dem Auto ein Bild von den Auswirkungen des Brandes machten.

Die Polizei beziffert den Sachschaden auf mehr als eine Million Euro. Wie hoch die Spätfolgen für die Kurstadt sein werden, ist noch nicht absehbar. „Das können wir gar nicht auffangen. Das Parkhotel hat 7000 Übernachtungen in der Saison – das ist ein Drittel der Übernachtungen im Drei-Sterne-Bereich Bad Bevensens“, sagt Uwe Winter, Geschäftsführer der Bad Bevenser Kurgesellschaft und der Bad Bevensen Marketing GmbH, nach den wirtschaftlichen Folgen des Brandes für Bad Bevensen gefragt. Sichtlich berührt, machte auch er sich gestern ein Bild von der Zerstörung in der Nachbarschaft der Therme. Mit dem Parkhotel werde eines der besten Häuser am Platz mit direktem Zugang zum neu gestalteten Kurpark in dieser Saison ausfallen.

Uwe Winter: „Die Saison startet nicht gut. Durch den langen Winter ist die Buchungswelle im März ausgeblieben. Und nun verlieren wir schon das zweite Haus in diesem Jahr – das Müttergenesungsheim, das geschlossen wurde, und jetzt das Parkhotel.“

Von Wiebke Brütt

Fotos von der Brandstelle

Schrecklicher Hotelbrand in Bad Bevensen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare