Grüne, Betroffene und Berater formulieren Forderungen zur hiesigen Wolfsproblematik

„Vergrämung aktiv angehen“

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Bereits im Sommer hatten die hiesigen Wolfsberater an einer nicht scharf gestellten Falle das Verhalten von Wölfen beobachtet. Eine Genehmigung zum tatsächlichen Fangen der Raubtiere gibt es wegen des strengen Artenschutzes bisher nicht. 

Bad Bevensen/Landkreis. Weidetierhalter, Wolfsberater und Grünen-Politiker haben sich gestern gemeinsam auf Maßnahmen geeinigt, um die Wolfsproblematik in der Region nicht weiter eskalieren zu lassen.

Unter anderem soll eine schnell einsetzbare Gruppe installiert werden, die den Geschädigten im Falle von Wolfsrissen Soforthilfe leistet – sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Außerdem sollen sich die hiesigen Grünen-Abgeordneten des Landtags, Heiner Scholing und Miriam Staudte, bei Umweltminister Stefan Wenzel dafür stark machen, dass er das Einfangen und Beobachten von auffälligen Wölfen artenschutzrechtlich erlaubt.

„Wir müssen die Besenderung und Vergrämung von Wölfen aktiv angehen“, fordert Wolfsberater Theo Grüntjens gestern Abend nach der gemeinsamen Runde in Bad Bevensen. Miriam Staudte stimmt zu: „Wir müssen sehr viel früher mit Vergrämungsmaßnahmen beginnen“, habe sie aus den Gesprächen mitgenommen und betont, der Schutz der Weidetierhalter müsse aktiver betrieben werden als bisher.

Voraussetzung für all dies wäre aber, dass vor Ort Informationen über die Wölfe gesammelt werden, betonte Wolfsberater Klaus Bullerjahn und gab wiederholt zu bedenken: „Wolfsmanagement ist kein Verwaltungsakt.“ Es soll daher auch Forschungsarbeit geleistet und es müssen Menschen ausgebildet werden, die Wölfe wirksam vergrämen, lautet eine weitere Forderung ans Umweltministerium. Darüber hinaus müssten auch Hobbytierhalter bei Wolfsrissen vom Land entschädigt werden. 

Dem Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule Hannover liegt bereits eine tierschutzrechtliche Genehmigung für das Einfangen und Beobachten von Wölfen vor. Allein die artenschutzrechtliche Erlaubnis des niedersächsischen Umweltministeriums fehlt. Aus Sicht von Klaus Bullerjahn sollte das Land diese Chance auf eine Erforschung der Raubtiere durch das ITAW nicht vergeben – schon allein aus Kostengründen. Und letztlich bringt es Heiner Scholings persönliche Referentin Simone Stolzenbach, die das gemeinsame Vorgehen von langer Hand eingefädelt hat, für alle auf den Punkt; „Der Handlungsdruck“, sagt sie, „ist immens.“

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„Konflikt, der zu eskalieren droht“

Gerd Jahnke sitzt gestern Abend mit Weidetierhaltern, Wolfsberatern, einem Vertreter des niedersächsischen Umweltministeriums und Grünen-Abgeordneten für Landtag und Landkreis an einem Tisch. Er wirkt abgekämpft.

„Ich bin am Rande der Belastbarkeit“, sagt der Schafzüchter aus Eimke. Erst in der Nacht zuvor ist wieder eines seiner Lämmer auf einer Weide in Südergellersen (Landkreis Lüneburg) gerissen worden. Wahrscheinlich vom Wolf. Es ist der fünfte Angriff binnen kurzer Zeit.

Damit diese Nachrichten nicht künftig zum Tagesgeschehen in der Region gehören, haben sich gestern auf Einladung des Grünen-Kreistagsabgeordneten Martin Feller und seinem Landtagskollegen Heiner Scholing rund ein Dutzend unterschiedlich vom Thema Wolf Betroffene zusammengefunden. „Wir wollen sehen, ob wir für diese im Landkreis besondere Situation eine gemeinsame Lösung finden“, sagt Feller.

Die Luft steht schwer im Versammlungsraum. Mehr als zwei Stunden haben sie alle diskutiert, auch hitzig. Am Ende aber steht nun eine gemeinsame Marschroute, bei der Heiner Scholing und seine Fraktionskollegin im Landtag, Miriam Staudte, einen Arbeitsauftrag erhalten haben: Sie sollen Umweltminister Stefan Wenzel davon überzeugen, eine artenschutzrechtliche Genehmigung für das Einfangen, Besendern und Beobachten von auffällig gewordenen Wölfen zu erteilen. „Und das“, betont Schafhalter Jochen Rehse, „ist eine Minimalforderung.“ Auf die habe man sich erst einmal verständigen können. Denn „die Kommunikation auf höherer Ebene hat nichts gebracht“, sagt er.

„Wir haben hier einen Konflikt, der zu eskalieren droht“, bestätigt Heiner Scholing und ist froh, dass man zu einem regionalen Tisch zusammengefunden hat. Die zentrale Frage dabei: „Wie kriegen wir die Nutztierhaltung und die Tatsache, dass der Wolf hier ist, unter ein Dach?“

Der erste Schritt zu einer Antwort ist nach Klaus Bullerjahns Überzeugung eine Erlaubnis, Wölfe einfangen und sie studieren zu dürfen. „Und dann kann man auch über Vergrämung nachdenken.“ Das dem Menschen gegenüber „dickfellige Rudel“, das bei Brockhimbergen jüngst 20 Damwild-Tiere gerissen hat, halte er durchaus für beobachtungswürdig. Man müsse speziell in dieser Region über Wölfe lernen und nicht aus Erfahrungen mit ihnen aus Übersee, betont Bullerjahn.

Konstantin Knorr, Artenschutzreferent im Umweltministerium, versprach, die Anliegen von gestern Abend mit nach Hannover zu nehmen. Sie seien sehr wichtig für die Weiterentwicklung von Maßnahmen und man werde sie auf Praxistauglichkeit und Finanzierbarkeit sowie die rechtliche Situation prüfen. Bis wann, das könne er allerdings nicht sagen. Auch wenn den Weidetierhaltern an einer schnellen Lösung gelegen ist. Und auch Martin Feller will die gestrige Runde, die man künftig fortsetzen wolle, zunächst als wichtigen, ersten gemeinsamen Schritt verstanden wissen. „Es gibt kein Zeitfenster“, sagt er.

Von Ines Bräutigam

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