Dorfgedanken des Jahrmarkttheaters Bostelwiebeck

Oma Sanne reist durch Europa

Die Künstlerin Antje Schiffers war in bäuerlichen Regionen Europas unterwegs. Ihren Gastgebern malte sie ihn Bild, im Gegenzug erstellten diese ein Video.
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Antje Schiffers tauscht ihre Bilder gegen ein Video ihrer jeweiligen Gastgeber ein.
  • Gerhard Sternitzke
    vonGerhard Sternitzke
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Bostelwiebeck ffr – 2016 luden Thomas Matschoß in seiner Rolle als Oma Sanne, seine Partnerin Anja Imig und Andrea Hingst zum ersten Mal dazu ein, sich mit ausgewählten Gästen Gedanken zu umfassenden Themenkreisen zu machen, Ideen und Überlegungen auszutauschen oder einfach nur zu schnacken.

War damals „Gastfreundschaft“ der Oberbegriff, so wurde in den Folgejahren über „Demokratie“, „Wahrheit“, „Arbeit“ und „Folgenlosigkeit“ debattiert. Die einzelnen Teilnehmer saßen im großen Rund, konnten sich sehen, einschätzen, gestikulieren.

Diesmal, bei den „Dorfgedanken 2021“ zum Thema „Europa“, war alles anders, diesmal gingen die Dorfgedanken online. Doch für Oma Sanne ist auch dies kein Problem. Die Frau mit Bart, Kopftuch und Kittel ist eine Meisterin des Schnackens und freut sich, wenn sie zuhören darf. Dazu hatte sie am Sonnabend reichlich Gelegenheit.

Eine Reise durch bäuerliche Regionen Europas

Denn als Gast des Abends nahm Antje Schiffers die zahlreichen Teilnehmer des Zoom-Meetings auf eine Reise durch Europa. Antje Schiffers ist Künstlerin und begeisterte Europäerin. Für ein Projekt des Künstlerinnenkollektivs Myvillages reiste sie kreuz und quer über den Kontinent, suchte Menschen in bäuerlicher Umgebung und wohnte jeweils für rund eine Woche bei ihnen. Um Land und Leute kennen- und schätzen zu lernen. Und um zu malen. Jede Gastfamilie bedachte sie mit einem in dieser Zeit gemalten Kunstobjekt. Im Gegenzug erstellte die Gegenseite ein Video, in dem sie sich, ihren Betrieb, ihre Region, ihre Besonderheit präsentierten. Rund 40 solcher „Porträts“ aus allen Winkeln Europas entstanden auf diese Weise.

Wie die Bauern eines Dorfes sich beim Hüten ihrer Schafe abwechseln, ihr Leben mit Schweinen und Bienen teilen, mit dem Anbau von Luzerne und Mais ihr Leben fristen – das zeigte Schiffers Beitrag über eine Familie im nördlichen Mazedonien. Alle Generationen auf dem Hof haben ihre Aufgabe – und trotzdem sagt der Vater, dass sein Sohn „das“ nicht weitermachen sollte.

Ganz anders der Geschäftsführer und Mehrheits-Aktionär eines großen rumänischen Agrarbetriebes. Eine schöne Darstellung, wie Land- und Viehwirtschaft mit Geldwirtschaft einhergehen und mit dem Massen-Anbau von Mais und Sonnenblumen im europäischen Verbund bestehen kann.

Die „Lange Nacht der Bauernfilme“ ging weiter mit einem Projekt in England: Zwei junge Menschen, Bruder und Schwester, übernahmen für die hohe Summe von 800 000 Pfund einen maroden Bauernhof mit viel Land. Binnen kurzer Zeit fanden sich 8000 Anteilseigner, die für ihr eingesetztes Geld keinen großen Gewinn erwarten können, wohl aber damit einen Betrieb erhalten, der mit viel persönlichem Engagement geführt wird, ökologisch und naturbewusst arbeitet. Ein tolles Projekt. Das fanden auch die Online-Teilnehmer in den jeweils anschließenden Diskussionen.

Fazit: Solche „Dorfgedanken“ zeigen ungewohnte Perspektiven, schaffen Erkenntnisse über Europa und europäische Regionen, wecken Verständnis für die Sorgen und Erwartungen der dort Lebenden.

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