„Hochgradig peinlich“

In die Röhre schauen derzeit einige Prüflinge der Industrie und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg. Ihre Prüfungsunterlagen wurden verschlampt.

Lüneburg/Bad Bevensen - Von Carlo Eggeling. Bernd Pippow ist vor vier Wochen mit einem guten Gefühl aus seiner Prüfung zum Einzelhandelskaufmann gegangen. Er war sich sicher, eine gute Note erzielt zu haben. Doch nun soll der 23-Jährige seinen schriftlichen Leistungsnachweis erneut ablegen: Bei der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg wurden die Unterlagen verschlampt. Pippow ist nicht alleine, von rund 100 Kandidaten, die in Bad Bevensen angetreten waren, haben sechs dasselbe Schicksal wie der Lüneburger erlitten – Papiere futsch.

IHK-Sprecher Mews sagt: ,,Das ist uns hochgradig peinlich.“ Doch obwohl die Kammer eine große Suchaktion gestartet hat, blieben die Bögen bislang verschwunden. Die Recherchen der IHK-Detektive haben folgendes Bild ergeben: Drei Aufsichten begleiteten am 12. Mai die Prüfung, zwei von ihnen ,,mit langjähriger Erfahrung und fundierten Kenntnissen im Prüfungsgeschäft“ brachten die Papiere im Anschluss nach Lüneburg. Als ein ehrenamtlicher Korrektor kurz darauf Arbeiten abholen wollte, waren die Unterlagen von sieben Prüflingen nicht auffindbar.

Mews sagt zerknirscht: ,,Wie es dazu kommen konnte, können wir uns bislang nicht erklären.“ Die Kammer versuche herauszubekommen, ob die Arbeiten versehentlich an einen anderen Korrektoren geschickt wurden. Bisher ohne positives Ergebnis. Allerdings konnte die Kammer noch nicht alle Prüfer erreichen: ,,Einige sind im Urlaub, auch die Aufsichten der Prüfungen kehren erst in dieser Woche zurück.“

Ansonsten arbeite die Kammer genau, nur einmal in den vergangenen 30 Jahren habe es einen ,,einzigen weiteren Fall“ gegeben. Pippow versteht das Gebahren der Kammer nicht: ,,Wenn ich meine Arbeit nicht abgegeben hätte, hätte ich eine sechs bekommen.“ Und die Kammer könne sich einfach aus der Verantwortung stehlen? Bislang hätte sich die IHK nicht einmal direkt bei ihm entschuldigt. Über seinen Chef, Matthias Tschorn, hatte er von den verbummelten Prüfungsunterlagen erfahren. Der Lebensmittelhändler ist verschnupft: ,,Ich kann nur hoffen, dass die Arbeit noch gefunden wird. Es kann doch nicht sein, dass der Auszubildende die Prüfung wiederholen muss. Den Stress muss er nicht noch einmal haben.“ Eine Grundlage für eine Note könne eine Prüfung Pippows aus dem vergangenen Jahr sein: Da hatte der junge Mann seine Ausbildung zum Verkäufer mit einer zwei abgeschlossen. Diesen Weg will die IHK nicht mitgehen. ,,Menschlich kann ich den Ärger verstehen“, sagt Mews. Aber aus rechtlichen Gründen müsse die Prüfung wiederholt werden: ,,Da haben wir keinen Spielraum, unabhängig vom Verschulden.“ Liege keine Prüfung vor, müsse man von einem Null-Punkte-Ergebnis ausgehen.

Im übrigen rufe die Kammer aktuell alle Betroffen an, sie sollen nun am 22. Juni erneut erscheinen. Heute muss Bernd Pippow – wie geplant – seine mündliche Prüfung ablegen. Er hofft, dass die Kammer alles fehlerfrei organisiert hat.

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