Kultusminister Althusmann sagt gestern Unterstützung des Bevenser Inklusionskonzeptes zu

Grünes Licht für KGS-Erzieher

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Kultusminister Althusmann

Bad Bevensen. Sie sind körperlich behindert, haben geistige Einschränkungen oder Defizite im sozial-emotionalen Bereich.

Dennoch werden Schüler mit Förderbedarf in der Kooperativen Gesamtschule (KGS) in Bad Bevensen im Rahmen eines Inklusionskonzeptes gemeinsam mit allen anderen Schülern unterrichtet. Am 19. Januar erst wurde das Konzept, in dem die drei Grundschulen Bad Bevensen, Himbergen und Altenmedingen sowie die Dohrmannschule als Förderschule mit der KGS zusammenarbeiten, mit dem Jakob-Muth-Preis ausgezeichnet (AZ berichtete). Gestern ließ sich Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann auf Einladung des CDU-Landtagsabgeordneten Jörg Hillmer das Konzept vor Ort in der KGS vorstellen.

Schulleiterin Christel Auer betonte, dass die Inklusion an der KGS völlig selbstverständlich behandelt werde. „Alles läuft trotz der Schulgröße sehr harmonisch“, berichtete sie der Runde mit dem Minister, zu der auch Vertreter der Bevenser CDU gekommen waren. Ob Inklusionsklassen eingerichtet werden sollen, darüber gebe es schon längst keine Diskussionen mehr an der KGS. Nicht bei den Lehrkräften, und auch nicht bei den Eltern. Seit zwölf Jahren wird hier das Miteinander von förderbedürftigen und „normalen“ Schülern umgesetzt – mittlerweile völlig geräuschlos. Auer: „Das ist hier Normalität, und so sollte es auch sein.“

„Inklusion beginnt zuerst im Kopf“, davon ist auch Althusmann überzeugt. Allerdings ist dieses Denken längst nicht an allen Schulen des Landes vorhanden, weiß der Minister – zuständig für rund 3000 niedersächsische Schulen. „Es gibt oft Ängste“, weiß er. Lehrkräfte fürchteten, sie könnten nicht genügend vorbereitet sein. Eltern hätten Sorge, dass sich im Unterricht alles nur noch auf den Inklusionsschüler konzentrieren könnte und alle anderen Schüler nicht ausreichend gefordert würden. „Sie“, betonte er, „sind ein Beispiel dafür, wie Inklusion gelingt und können vielen die Angst davor nehmen.“ Der Landkreis Uelzen, so Althusmann, sei insgesamt herausragend, was dieses Thema angehe. Während voraussichtlich im März ein Gesetz für die Einrichtung von „Inklusiven Schulen“ beschlossen werden soll, haben die Uelzener den Gedanken schon längst in die Tat umgesetzt.

Mit Heterogenität müsse man als Lehrer sowieso umgehen, meinte Christel Auer. Und überhaupt: „Wo fängt denn Lernbehinderung an?“ stellte die Pädagogin in den Raum. „Kein Kind hat keinerlei Begabung.“ Inklusion müsse man einfach wagen. „Learning by doing“ sei angesagt. Darüber hinaus lerne man im Kollegium unter- und voneinander, und natürlich seien auch Fortbildungen hilfreich.

In der Praxis habe sich gezeigt, so Auer, dass eine Budgetierung von Lehrerstunden hilfreich sei. Durch sie nämlich sei die Einstellung eines Erziehers möglich, der eine große Entlastung für die Lehrer sein könne. Und zwar dann, wenn ein Schüler mit Förderbedarf im Unterricht unkonzentriert wird oder schlichtweg einen schlechten Tag hat. „Diese Schüler“, weiß die Rektorin, „stehen sich einfach selbst im Weg.“ Ein Erzieher könnte dann übernehmen.

Bislang habe man diese Lösung zwar für sinnvoll gehalten, hakte der Kultusminister ein, allerdings habe es rechtliche Bedenken gegeben. Wegen der Umwandlung von Lehrerstunden in sonderpädagogische Förderung. Gestern Mittag in Bad Bevensen allerdings stellte er fest, dass die Bedenken nun zurückgestellt würden. „Wir werden Ihnen die Möglichkeit verschaffen, Stunden umzuwandeln“, sagte er Christel Auer und ihren Kollegen zu. „Ob wir daraus eine generelle Maßnahme machen werden, lassen wir mal dahingestellt.“ Das erfolgreiche Arbeiten an der KGS allerdings „sollten wir mal anerkennen“, meinte Althusmann, und Jörg Hillmer stimmte im Hinblick auf das vorbildliche Konzept zu: „Es ist konsequent, hier diese Freiheit zu erlauben.“

Natürlich, und das verriet der Lehrer Sebastian Gutheil am Rande der Veranstaltung, gebe es anfangs schlichtweg Berührungsängste und Unsicherheiten bei der Umsatzung der Inklusion. Die legten sich allerdings schnell, betonte er. Mehr noch: Auch die anderen Schüler profitieren im Umgang mit Förderschülern, und sie lernen. Sozialkompetenz zum Beispiel, und Rücksichtnahme. Gutheil nannte ein Beispiel: Mit seiner 10. Hauptschulklasse steht demnächst eine Berlin-Fahrt an. Bei der Elternkonferenz wurde besorgt gefragt, ob denn überhaupt jemand während dieser Zeit bereit sei, den Mitschüler im Rollstuhl zu schieben, wenn nötig. Eine Welle des Unverständnisses war die Reaktion – und zwar von Seiten der Schüler, die sich über eine solche Frage nur wunderten. „Das sind teils harte Jungs“, so Gutheil, „und für die ist es selbstverständlich, den Rollstuhl zu schieben. Das ist toll. Da kriegt man fast Gänsehaut.“

Von Ines Bräutigam

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