Autor Heinrich Thies erzählt die Geschichte von Marlene Dietrich und ihrer unbekannten Schwester

Graue Maus und kesser Vamp

+
Heinrich Thies (li.) berichtete im Griepehaus, dass Marlene Dietrich und ihre Schwester Elisabeth Will Welten trennten. Johnny Groffmann begleitete den Vortrag musikalisch.

Bad Bevensen. Die eine sorgt als kesser Vamp für Schlagzeilen, die andere gilt als graue Maus von Bergen-Belsen. Die eine singt für US-Soldaten, die andere unterhält KZ-Aufseher. Die eine: das ist Marlene Dietrich; die andere: ihre Schwester.

Sie sei bieder, ein wenig pummelig, dumm und hässlich. So sah sich Elisabeth Will, genannt Liesel, mit eigenen Augen. „Es war, als ob ihre Existenz nicht der Rede wert war, fast als hätte sie sie ausradiert“, weiß Heinrich Thies, der Mann, der viele Jahre nach ihrem Tod am vergangenen Freitag in der Bibliothek im Bad Bevenser Griepe-Haus stehen soll, um die Geschichte dieser blassen Persönlichkeit nachzuzeichnen – ihre und die ihrer berühmten kleinen Schwester Marlene.

Nur wenige wissen überhaupt, dass es Liesel gegeben hat. Kein Wunder, denn Marlene Dietrich hatte ihre Schwester verleugnet.

„Sie existierte praktisch nicht“, realisierte der Autor aus dem Heidekreis durch einen Zufall – und schrieb im vergangenen Jahr ein Buch, mit dem sich das ändern soll. „Dass sie so gegensätzlich waren und sich trotzdem innig geliebt haben, das fand ich spannend“, erklärt Thies. Der Titel des Werks spricht Bände: „Fesche Lola, brave Liesel“.

Die beiden Kinder aus gutem Hause trennten Welten – nicht bloß Lebenswelten, sondern auch der „große Teich“ zwischen Deutschland und Hollywood. Während sich Marlene in der Film- und Musikbranche langsam zum Star entwickelte, gab sich Liesel ganz den Plänen ihres Mannes hin – hängte ihren Lehrerberuf an den Nagel und folgte ihm zur NS-Zeit von Berlin nach Bergen-Belsen. Was Marlene damals nicht wusste: Ihre Schwester betrieb dort auf dem Kasernengelände mit ihrem Gatten ein Kino für Wehrmachtsoldaten und SS-Leute, die im benachbarten Lager Dienst taten. Als die Leinwandgöttin davon Wind bekam, habe sie in dieser Nähe zur feindlichen Ideologie wohl eine Gefahr für ihre Karriere gewittert, vermutet Thies, denn Marlene Dietrich stand für eine konsequente Haltung gegen Hitler-Deutschland.

Dennoch: Es gab Briefe von ihr, Geld, Pakete voll mit Delikatessen und schicken Kleidern für Liesel, Konzertkarten, aber lange kein Sterbenswörtchen in der Presse. Der Briefwechsel der beiden wurde zum einzigen Zeugnis einer heimlichen Geschwisterliebe.

Briefe, Biografien, Tagebücher, Zeitzeugengespräche: Ein Dreivierteljahr lang wandelte Thies auf den Spuren der beiden Frauen, zwischen Bergen und Berlin. „Besonders glücklich war Liesel, wenn sie die Platten ihrer berühmten Schwester hören konnte“, verrät der Autor, als sein Musikerkollege Johnny Groffmann leise eine Melodie auf dem Klavier zu spielen beginnt: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ – ein Klassiker aus dem Songrepertoire der Marlene Dietrich. Bei manchen Liedern soll Liesel leise mitgesungen haben, so Thies, „aber dann brach sie beschämt ab, denn sie konnte ja überhaupt nicht singen.“

Von Anna Petersen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.