Deutsche und US-Amerikaner diskutieren in Medingen über Strategien, mit Vielfalt umzugehen

Was Gesellschaften zusammenhält

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„Gute Strategien entwickeln, mit Vielfalt umzugehen“ – darum geht es bei der Frage nach dem, was Gesellschaften zusammenhält, meint Martin Kaiser.

Bad Bevensen / Medingen. In Zeiten von Donald Trump und der AfD wird heute viel von der gesellschaftlichen Spaltung gesprochen. „Es gibt viele, die sich nicht vertreten fühlen, die sich abgehängt sehen“, weiß Martin Kaiser. In Deutschland ebenso wie in den USA.

Der Leiter des Gustav-Stresemann-Instituts (GSI) in Medingen hat daher gemeinsam mit Ulrika Engler, Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung, sowie der West Chester University in Pennsylvania (USA) und einer Reihe weiterer Unterstützer ein Seminarprojekt angeschoben, das sich mit einer zentralen Frage beschäftigt: „Was hält unsere Gesellschaft zusammen?“. Knapp 20 junge Menschen aus Deutschland und den USA werden sich vom 14. bis 26. Juli auf vielfältige Weise den Antworten dazu nähern.

„Es handelt sich um eine Frage nach Werten, aber auch nach Strukturen und zivilgesellschaftlichem Engagement“, erklärt Martin Kaiser. „Und es ist eine Frage, die wir mit jungen Leuten beantworten müssen“, sagt der Politikwissenschaftler. Die Teilnehmer beider Länder sollen in dem Seminar einander ihre Situationen schildern. Immer vor dem Hintergrund von Migration, wachsender Vielfalt, Rechtspopulismus und „alternativen Fakten“.

Dass es dabei durchaus zu spannenden Erkenntnissen auf beiden Seiten kommen kann, verrät Martin Kaiser an einem kleinen Beispiel: „Wenn beide Seiten von ‘Meinungsfreiheit’ sprechen – meinen sie dann das Gleiche?“ Nicht unbedingt, führt Kaiser aus. „In den USA zum Beispiel gehört es zur Meinungsfreiheit, den Holocaust leugnen zu dürfen. In Deutschland ist das eine Straftat.“

Welches sind die Werte, die uns bestimmen? Was gibt es an offenen Fragen? Wo gibt es Brüche in beiden Gesellschaften? Und wie sieht der Umgang mit der eigenen Identität aus? Auch diesen und vielen weiteren Fragen sollen die Teilnehmer während der zwölf Seminartage nachgehen. Dafür diskutieren sie nicht nur im GSI in Medingen, sondern besuchen auch Einrichtungen in Hamburg und Berlin, in denen mit Migranten gearbeitet wird.

Was hält denn nun Gesellschaften zusammen? Martin Kaiser meint, dass es „die Dinge sind, die man gemeinsam tut und erlebt – Sport, Kultur, Dialog, Stadtfeste“, die den Kitt innerhalb einer Gesellschaft ausmachen. Auch die Definition einer gemeinsamen Wertebasis halte eine Gesellschaft zusammen. „Wir müssen bestimmte Dinge festlegen, zu denen wir uns bekennen“, sagt der Politikwissenschaftler, „und gute Strategien entwickeln, mit Vielfalt umzugehen.“

Bei der Bewertung von Gesellschaften fehle es häufig an der Differenzierungsfähigkeit, glaubt Martin Kaiser. Genau die sollen die jungen Seminarteilnehmer lernen. Und es fehle oft auch an Begegnungsmöglichkeiten, um das Verständnis für andere andere Kulturen entwickeln zu können. „Es braucht positive Gegenerlebnisse“, formuliert es Kaiser. Denn Zusammenhalt entstehe vor allem durch eines: durch Teilhabe.

Von Ines Bräutigam

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