Alpha E: Ex-Bahn-Planer kritisiert Ungereimtheiten

De facto vier Gleise und ein Neubau

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Bad Bevensen/Landkreis. „Wie das funktionieren soll – ich weiß es nicht... “ Diesen Satz sagt Dr. Rudolf Breimeier immer wieder.

Denn der ehemalige Planer bei der Deutschen Bahn hat bei dem Vorhaben des Landes Niedersachsen, mit der sogenannten Alpha-E-Variante zwischen Lüneburg und Uelzen ein drittes Gleis zu legen, ein mehr als ungutes Gefühl. Immer wieder hat der Diplom-Ingenieur, für den einst das Planen von Bahnstrecken das täglich Brot gewesen ist, darauf hingewiesen, dass Alpha E die Güterströme vom Hamburger Hafen ins Hinterland nicht werde abwickeln können. Aber genau das soll die Variante tun.

Knackpunkt Nummer 1: 

„Die Dreigleisigkeit nördlich von Lüneburg wird nicht ausreichen“, prognostiziert Dr. Breimeier zum wiederholten Mal. Mehr als 500 Züge sollen dort mit Alpha E pro Tag fahren. „Diese Annahme ist realitätsfern“, sagt der ehemalige Bahn-Planer aus Bad Bevensen.

Knackpunkt Nummer 2 und aus Sicht Breimeiers ein besonders schwerwiegender: 

Das prognostizierte Verkehrsaufkommen sei mit einem Computerprogramm namens „Strele“ ermittelt worden, weiß Breimeier aus Insiderkreisen. Dieses wurde von der Technischen Hochschule Aachen und der Deutschen Bahn für die Berechnung der Leistungsfähigkeit von Eisenbahnstrecken entwickelt. Der Haken dabei: „Das Programm ist für die Berechnung bei ein- und zweigleisigen Strecken geeignet, aber nicht für die Dreigleisigkeit“, weiß der Bad Bevenser Ingenieur und schlussfolgert: „Da wurde also ein gravierender Fehler begangen.“

„Auf 57 Prozent der Bahnstrecke Lüneburg-Uelzen hätten wir eine Viergleisigkeit.“

Knackpunkt Nummer 3: 

Seitenweise hat Dr. Rudolf Breimeier aus Bad Bevensen Berechnungen zur Alpha-E-Variante angestellt. Und der ehemalige Bahn-Planer stößt auf eine Reihe von Ungereimtheiten. 

Die geplante Dreigleisigkeit zwischen Lüneburg und Uelzen wird nach Schätzungen Breimeiers de facto eine Viergleisigkeit sein. Denn eine Dreigleisigkeit bestehe aus den zwei vorhandenen Gleisen und würde abschnittsweise durch Überholgleise ergänzt. Unter der Zugrundelegung von Geschwindigkeiten bei ICEs mit 230 km/h und Güterzügen mit 100 km/h müsste alle 11,795 Kilometer ein solches Überholgleis in jede Richtung beginnen. Selbiges müsste nach Breimeiers Berechnungen obendrein 9,231 Kilometer lang sein, um einen reibungslosen Verkehrsstrom zu gewährleisten. Das Ergebnis: Die Überholgleise auf beiden Seiten würden immer wieder parallel zueinander verlaufen. „Auf 57 Prozent der Bahnstrecke Lüneburg-Uelzen hätten wir somit eine Viergleisigkeit“, resümiert Breimeier.

Knackpunkt Nummer 4: 

die Ortsumfahrungen. Wie berichtet, sind Umfahrungen von Lüneburg, Deutsch Evern, Bad Bevensen und Uelzen geplant. Möglicherweise auf der Westseite der Strecke, so Breimeier. Er fragt sich allerdings, wie das in der Praxis aussehen soll. Denn die Orte lägen so dicht beieinander, dass ihre Umfahrungen quasi ineinander übergehen würden. „Da sind wir dann wieder bei einer Neubaustrecke“, schlussfolgert er und fügt an: „Dann kann man auch gleich die Strecke Ashausen-Unterlüß bauen.“ Die allerdings fand im Dialogforum „Schiene Nord“, das vom Land Niedersachsen zur Beteiligung der Öffentlichkeit einberufen worden war, keine Zustimmung.

In einschlägigen Internet-Foren wird auch längst über Alpha E diskutiert. „Wie man sieht, ist das alles nicht richtig durchdacht“, heißt es da unter anderem. Und weiter: „Vielleicht ist es ja die Taktik der Bahn, dass durch die jetzt geplanten Runden Tische die Orte in der Region ,von alleine’ auf die Idee kommen, dass eine NBS (Neubaustrecke, d. Red.) Ashausen-Suderburg oder Ashausen-Unterlüß die beste Option mit den wenigsten Betroffenheiten ist.“ Dr. Rudolf Breimeier meint nur: „Die ganze Kiste ist verkorkst.“ Und dann sagt der ehemalige Bahn-Planer ihn wieder, diesen Satz. „Wie das alles funktionieren soll – ich weiß es wirklich nicht...“

Von Ines Bräutigam

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