Keine Männer ohne Mais

Die Ebstorferin Dorothea Kruse berichtet von ihrem Entwicklungshilfeinsatz in Kenia

Feldbesichtigung bei einem kenianischen Bauern.
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Felder eines kenianischen Bauern werden von den Experten begutachtet.
  • Gerhard Sternitzke
    VonGerhard Sternitzke
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Seit April lebt die Ebstorferin Dorothea Kruse als Entwicklungsberaterin der Christlichen Fachkräfte International mit einem Drei-Jahres-Vertrag in Kenia. Per Whatsapp-Telefonat berichtet sie der AZ von ihren Erfahrungen in dem ostafrikanischen Land.

Ebstorf/Nairobi – Ebstorf ist weit weg. Kenia steht vor der Regenzeit. Die ersten Zucchini werden reif. Von ihrer Wohnung am Rand von Nairobi kann Dorothea Kruse Zebras, Büffel und Giraffen im nahegelegenen Nationalpark beobachten. Aber es gehört auch Gottvertrauen dazu, wenn sie sich auf die abenteuerliche Fahrt zur Farm ihrer Hilfsorganisation begibt. Seit April lebt die Ebstorferin als Entwicklungsberaterin der Christlichen Fachkräfte International mit einem Drei-Jahres-Vertrag in dem ostafrikanischen Land. Per Whatsapp-Telefonat berichtet sie der AZ von ihren Erfahrungen.

Ein Seminar für Landwirte aus der Umgebung der Musterfarm.

Auf der Farm im Dorf Birika, die von Einheimischen und Helfern der kenianischen Nichregierungsorganisation Community Health Evangelism betrieben wird, wird auf anderthalb Hektar Land Gemüse gezogen, das in Nairobi verkauft wird. Jetzt vor der Regenzeit ist es schwül, aber der schwere Boden ist knochentrocken. „Wir müssen jetzt den Boden bearbeiten, weil man nachher auch mit Gummistiefeln nicht mehr raufkommt“, erzählt Dorothee Kruse. Die 43-Jährige will zukünftig auch Heilkräuter anbauen und hängende Gärten entwickeln. Sie sollen in den Slums von Nairobi eingesetzt werden, wo die Jugendkriminalität mangels Perspektiven hoch ist.

Bei der Arbeit ist die studierte Agrarwissenschaftlerin schon einem wichtigen Problem auf die Spur gekommen. Das Wasser kommt aus einem 200 Meter tiefen Brunnen. „Man sieht, dass sich Salzkristalle von den Tröpfchen der Bewässerung bilden“, erklärt die Helferin. Die kleinen mineralischen Krusten sind ein riesiges Problem. Es droht die Versalzung der landwirtschaftlichen Flächen. Johanna Kruse setzt als Gegenmaßnahme auf Mulchen wie im Biogarten.

Bewässerung droht die Böden zu versalzen

Den Bauern, die sie berät, gibt sie keine Ratschläge mit dem erhobenen Zeigefinger. Sie schlägt ihnen lediglich vor, ein Beet mit Pflanzenmaterial zu mulchen und das andere nicht. So können sie selbst feststellen, dass die gemulchte Fläche länger feucht bleibt, weil die Bedeckung die Verdunstung deutlich verringert.

Entwicklungsberaterin Dorothea Kruse beim Angießen der neuen Saat auf der kenianischen Farm. Durch eine Mulchschicht aus Pflanzenteilen versucht sie die Versalzung der Böden aufzuhalten.

„Die Leute sind verhältnismäßig flott, sehr geschäftstüchtig und sehr freundlich“, stellt die Helferin fest. Allerdings sind Veränderungen in der Wirtschaftsweise nur schwer zu erreichen. „Es ist ein irrer Gruppenzwang“, hat Dorothea Kruse beobachtet. „Da ist so viel Angst in dieser Kultur.“ Wer etwas anders macht als die anderen, steht schnell im Abseits – in einem Land mit einer starken Spiritualität, in dem auch heute noch die Verfluchung eines Ackers ein großes Unglück bedeutet.

Ernteausfälle durch den neuartigen Heerwurm breiten sich aus

Der Mais ist das Hauptnahrungsmittel auf dem Land. Die Pflanze wird in Monokultur angebaut. Die Folge: Krankheiten und Ernteausfälle häufen sich. Der neuartige Heerwurm breitet sich aus. „Man kann Brei auch aus Hirse herstellen“, schlägt die Beraterin vor. „Die braucht weniger Wasser und hat einen höheren Nährwert.“ Das ist ein gutes Argument, prallt aber von den Menschen ab, weil der Mais nach dortiger Meinung die Potenz der Männer erhöht.

„Das ist ein Weltbild, da kommen Sie nicht gegen an“, räumt die Beraterin ein. Sie versucht, die klassischen Fehler früherer Entwicklungshilfe zu vermeiden. „Fragen stellen hilft, zuhören, probiert es mal mit und ohne Mulchen“, erklärt Dorothea Kruse, die derzeit die Landessprrache Suahili lernt. Zudem herrscht in dem Land ein klassisches Rollenbild. Die Männer sind kaum geneigt, einen Ratschlag von einer Frau anzunehmen. Die Landwirtschaft ist aber häufig in der Hand von Frauen, die ein offeneres Ohr für die Beraterin haben.

Es braucht also einen langen Atem, um Verbesserungen anzustoßen. Dabei setzt sie nicht auf Lösungen aus Europa, sondern auf einheimische Erfahrungen. So hilft Asche von den Feuerstellen, die Maisschädlinge zu bekämpfen.

Die Farm soll langfristig zu einer Modellfarm ausgebaut werden, in der Multiplikatoren ausgebildet werden, die verbesserte Anbaumethoden verbreiten. Ein Schulungszentrum ist gerade im Aufbau.

85 Prozent der Kenianer sind nach offiziellen Angaben Christen. Das erleichtert der Ebstorferin die Arbeit. „Wenn wir als Christen kommen, sind wir alle Geschwister“, erklärt sie. „Wir stellen Fragen auf Augenhöhe.“

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