Schriftsteller Gerhard Henschel aus Klein Bünstorf erhält Literaturpreis für „Landvermessung“

Die Entdeckung des so Vertrauten

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Gerhard Henschel im Arbeitszimmer in seinem Zuhause in Klein Bünstorf – für das Buch „Landvermessung“ hat der Autor jetzt einen Preis erhalten.

Klein Bünstorf/Hamburg. Willi Winkler hatte es vorgemacht. 855 Kilometer war der Autor vor drei Jahren von Hamburg bis Altötting gelaufen. 35 Tage hat er dafür gebraucht, sich dabei den Mittelfußknochen gebrochen und ein Buch darüber geschrieben.

„Deutschland, eine Winterreise“, hat er es genannt, in Anlehnung an Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“. Gerhard Henschel gefiel das. „Ich dachte mir: Ich möchte auch mal wandern gehen. Aber nicht allein, nicht im Winter. “.

Und so suchte sich der Schriftsteller, der seit zwei Jahren in Klein Bünstorf lebt, mit dem Fotografen Gerhard Kromschröder einen Wanderbegleiter und schrieb mit ihm gemeinsam das Buch „Landvermessung“. Beide erhielten dafür jetzt in Hamburg den mit 10 000 Euro dotierten Ben-Witter-Preis.

855 Kilometer sollten es nicht unbedingt sein. Und so erinnerte sich Gerhard Henschel an das Jahr 1986. Damals hatte ihm sein älterer Kollege Walter Kempowski vorgeschlagen, von Bargfeld im Landkreis Celle – wo der Schriftstellerkollege Arno Schmidt lebte – nach Nartum im Landkreis Rotenburg/Wümme – wo damals Kempowski wohnte – zu wandern. „Gerhard Kromschröder hat sofort zugesagt“, sagt Gerhard Henschel im AZ-Gespräch. Im Spätsommer 2015 marschierten die beiden los.

Zehn Tage lang ging es durch die niedersächsische Landschaft. 200 Kilometer lang. Übernachtet wurde in Hotels. „Kromschröder wollte zwar auch mal in einer Bushaltestelle übernachten“, sagt Henschel, er habe ihm das aber ausreden können. Einig waren sich beide Schriftsteller jedoch darin, dass ihnen allerorten Heimatgeschichte begegnete, die sie so noch nicht gekannt hatten. Das KZ Bergen-Belsen lag ebenso auf ihrem Weg wie der Truppenübungsplatz Bergen und viele weitere Stationen.

„Es war schön, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen“, sagt Henschel und erinnert sich an die Begegnung mit einem Bauern, der seltene Einblicke in sein Tun erlaubte. „Der Kuhstall war picobello sauber“, so Henschel, „und er hatte einen Melkroboter, der ihm mitteilte, ob eine Kuh beispielsweise Fieber hat.“

Die vielen Eindrücke hält der Klein Bünstorfer in Worten fest, sein Kollege Kromschröder komponiert die passenden Fotomotive dazu. Das gemeinsame Ergebnis „Landvermessung“ ist eine Art Wandertagebuch. Es offenbart Entdeckungen in einer scheinbar bekannten Region, die doch so viel Neues bereit hält.

Diesen außergewöhnlichen Blick auf die Welt – verpackt in humorvolle journalistische Arbeit – würdigt alljährlich der Ben-Witter- Preis. In diesem Jahr zeichnete die Ben-Witter-Stiftung mit „Landvermessung“ erstmals ein einzelnes Buch aus. In der Begründung der Jury heißt es, den beiden Autoren sei es gelungen, „mit einer kongenialen Verbindung von Text und Bild in wechselnden Tönen von Ernst und Witz ein Gesamtkunstwerk zu schaffen“, „eine landes- und literaturgeschichtliche Chronik“.

Die nächste Wanderung hat Gerhard Henschel übrigens auch schon geplant: Sie soll ihn im kommenden Jahr auf den Spuren der Brüder Grimm von Hanau nach Kassel führen.

„Wir werden aber im Mai wandern“, sagt der 55-Jährige, „dann steht der Mais noch nicht so hoch. Man sieht dann mehr von der Landschaft...“

Von Ines Bräutigam

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