Märchenerzählerin Katja Breitling weiß: „Jeder zieht für sich die wichtige Botschaft heraus"

Von einer, die auszog, Mut zu machen

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Bei der Auswahl ihrer Märchen folgt Katja Breitling ihrem Gefühl. In die Interpretation bezieht sie ihre Zuhörer ein. Sie sagt: „Was wir den Märchenhelden zutrauen, trauen wir auch uns selbst zu.“ 

Melzingen – Wer war schon einmal nachts im Wald? Diese Frage stellt Katja Breitling ihren meist erwachsenen Zuhörern gern. Der dunkle Wald mit seinen Geräuschen und Gestalten ist ein beliebtes Bild und lässt wenige wirklich kalt.

In der Märchenerzählerin löste ein mit Texten begleiteter Spaziergang durch den abendlichen Harzwald vor etwa 13 Jahren pure Freude aus. So viel Freude, dass sie diese teilen musste.

Natur öffnet Sinne

Unter den Bäumen im Arboretum Melzingen fand sie einen perfekten Ort dafür. Seither, so auch am vergangenen Sonntag, bietet sie hier Erzählveranstaltungen an. „Natur und Bewegung öffnet die Sinne und lässt uns märchenhafte Symbolik besser aufnehmen“, davon ist Katja Breitling überzeugt. Darüber hinaus schätzt sie das gemeinsame Erleben und mit wie viel Begeisterung sich fremde Menschen über Märchen austauschen können.

Mit ihrem Repertoire von 160 Märchen von kleinen und großen Helden löst sie jedoch nicht nur Freude aus. Sie hat gestandene Männer in Tränen oder Wut ausbrechen sehen, weil die Bilder eines Märchens plötzlich Licht in den dunklen Wald des eigenen Unterbewusstseins geworfen haben. Deshalb ließ sich die studierte Ethnologin und Journalistin nicht nur zur Erzählerin, sondern auch zur Märchentherapeutin ausbilden. Sie arbeitet schwerpunktmäßig mit Kliniken und Selbsthilfegruppen im Bereich der Suchttherapie zusammen.

Der moralische Zeigefinger gehört dabei nicht zum Konzept: „Jeder Mensch zieht sich aus einem Märchen die für sich selbst wichtige Botschaft heraus“, weiß Breitling. Märchen sollen ihrer Ansicht nach nicht belehren, sondern Mut machen und Vertrauen in eigene Ressourcen wecken. Schließlich handeln sie von Menschen, die über sich hinauswachsen, um die Prüfungen des Lebens zu bestehen. Der Hintergrund vieler Geschichten sei: „Was wir den Märchenhelden zutrauen, trauen wir auch uns selbst zu.“

Ohne Leid keine Freude

So sahen das auch die 20 Zuhörer beim Märchenpicknick, als Breitling von den 16 Schicksalsprinzen berichtete, die jedes Kind an der Wiege mit bestimmten Eigenschaften ausstatten. Breitling, die selbst gern unterwegs ist, erkannte für sich den ältesten Reiseprinzen wieder. Protagonist des brasilianischen Märchens ist der jüngste Unglücksprinz, den keiner an seiner Wiege haben will, bis ihm unverhofft großes Glück zuteil wird und auch seine Brüder erkennen, dass es ohne Leid keine Freude gibt.

VON JANIN THIES

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