Einschränkungen durch Insektenschutz

Erneut rollen Traktoren nach Berlin: „Die Bevölkerung muss aufwachen“

So wie am Wochenende sind am Montag Traktoren aus dem Landkreis Uelzen nach Berlin gefahren, um gegen das Insektenschutzpogramm zu demonstrieren.
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So wie am Wochenende sind am Montag Traktoren aus dem Landkreis Uelzen nach Berlin gefahren, um gegen das Insektenschutzpogramm zu demonstrieren.
  • Gerhard Sternitzke
    vonGerhard Sternitzke
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Erneut sind am Montag Traktoren im Landkreis Uelzen in Richtung Bundeshauptstadt gestartet.

Melzingen/Landkreis – Anlass des Protestes in Berlin ist einmal mehr die Agrarpolitik der Bundesregierung, konkret das Aktionsprogramm Insektenschutz, das am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossen werden soll.

Die Bundesumweltministerin Svenja Schulze begründet das Vorhaben mit dem dramatischen Rückgang der Insektenmenge und ihrer Artenvielfalt. Erreichen will sie Verbesserungen in diesen beiden Punkten durch eine Begrenzung des Einsatzes von Pestiziden. Der Einsatz des umstrittenen Mittels Glyphosat wird ab dem Jahr 2023 generell verboten. Einschränkungen für die Landwirte gibt es vor allem in Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebieten (FFH), auf Gründland und an Gewässern.

Die Initiative „Land schafft Verbindung“ als Organisatorin der aktuellen Proteste spricht von einem ideologiegetränkten Programm. „Dies geschieht zu Lasten vieler landwirtschaftlicher Betriebe, Landbesitzer und weiterer Berufs- und Wirtschaftsbereiche, die unsere Landschaft verantwortungsvoll bewirtschaften“, kritisiert Sprecherin Maike Schulz-Broers aus Stadorf. „Wir als Vereine und Verbände erwarten, dass man aus den Erfahrungen mit der Düngeverordnung gelernt hat und dieselben Fehler nicht noch einmal macht, Verantwortung übernimmt und die Interessen aller berücksichtigt.“ Auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) hat schon Widerstand angekündigt. Dort haben Landesregierung und Bauern ein Modell ausgehandelt, bei dem es einen Ausgleich für die Einschränkungen gibt.

„Wenn das so durchkommt, dann werde ich enteignet auf meinen Flächen“, sagt Joachim Oelze aus Melzingen, dessen Mitarbeiter ebenfalls mit einem Trecker vom Hof in Melzingen nach Berlin gefahren ist. „Wir dürfen keine Insektizide mehr ausbringen. Es gibt keine Entschädigung“, gibt der 55-jährige Landwirt zu bedenken der einen 170-Hektar-Ackerbaubetrieb bewirtschaftet. Nach der Düngeschutzverordnung drohe jetzt die nächste Entscheidung, die die Bauern treffe.

Entsprechend groß ist der Protest. Seit dem 26. Januar zeigen die Landwirte mit ihren Treckern in Berlin Präsenz (AZ berichtete ebenfalls schon). „Die Trecker bleiben so lange, bis wir etwas bewegt haben“, hat Maike Schulz-Broers zum Start der Aktion angekündigt. „Wenn das so weitergeht, können die Höfe dichtmachen und die Lebensmittel müssen dann aus dem Ausland kommen“, sagt Bauer Oelze.

Laut Landberatung sind deutschlandweit etwa 25 Prozent aller Flächen von der Insektenschutzverordnung betroffen. Bauern dürfen in Naturschutz-, FFH- und Landschaftsschutzgebieten keine Pestizide und Insektizide mehr ausbringen und müssen dort die Düngung reduzieren. „Es wird die Leistung, die die Landwirte erbringen, in keiner Weise honoriert“, sagt Berater Steffen Weihe. „Die Konzentration der bäuerlichen Betriebe wird weitergehen. Es wird ein weiteres Bauernsterben stattfinden.“ Erstaunlicherweise fallen gleichzeitig Hilfen für Biobetriebe und Weidetierhalter weg.

Und dann macht Landwirt Joachim Oelze aus Melzingen noch eine Rechnung auf: Für 100 Kilo Kartoffeln bekommt er 9 bis 14 Euro. Im Supermarkt kostet das Kilo Pommes frites aber 99 Cent bis 3,30 Euro, also mehr als das Zehnfache. „Die Bevölkerung muss aufwachen“, sagt Oelze. „Es geht um unsere Natur, um unsere Wälder, um unsere Kinder.“

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