Motive veranschaulichen die Veränderungen seit der Wende

Ausstellung im Rathaus: "Deutschland grenzenlos" mit Bildern von Jürgen Ritter

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Oebisfelde in Sachsen-Anhalt 1982 und 2013: Jürgen Ritters Grenzfotos dokumentieren den Wandel und sind Ausdruck von dem Willen und der Möglichkeit, die Welt politisch zu verändern. Die Stadt Uelzen zeigt eine Ausstellung seiner Bilder im Rathaus, die morgen um 11 Uhr feierlich eröffnet wird.

Barum. Im Büro unter dem Dach seines Barumer Hauses, inmitten mehrerer Computerbildschirme, Fotografien, Fotoausrüstungen, meterlangen Regalen und zahllosen Büchern – zu einem großen Teil eigene Veröffentlichungen–, spricht Jürgen Ritter mehrere Stunden quasi ohne Punkt und Komma.

Langweilig wird es nie, zu viel hat der Mann auf seinen Reisen zwischen Arktis und Antarktis erlebt, zu viel Wirbel hat er mit seinen Fotos ausgelöst.

Jürgen Ritter ist der Grenzfotograf. Zumindest hat er sich als solcher einen Namen gemacht, über viele Jahre. Mit Bildern, die entlang der innerdeutschen Grenze entstanden sind – hauptsächlich Anfang der 1980er Jahre und nach der Jahrtausendwende.

Jetzt, da das 25-jährige Jubiläum der Wiedervereinigung ansteht, ist der Autodidakt gefragter denn je: Eine Berliner Zeitung berichtet seitenweise, der Boulevard meldet sich, auch das Fernsehen lädt ihn ein: In der Sendung „Volle Kanne“ ist er gemeinsam mit Lena Meyer-Landruth zu Gast. „Das war ein schönes Erlebnis“, sagt Ritter, auch wenn er sein Buch „Deutschland grenzenlos“ dort nicht aktiv zeigen durfte. Die Grenze, das ist das große Thema für den heute 66-Jährigen. Der geborene Uelzener ist als Techniker beruflich schon immer viel im Nord-Osten Niedersachsens unterwegs, Fragen und Widersprüche lassen ihn mit Blick auf die innerdeutsche Grenze nicht los: „Bauen die da vielleicht wirklich ein besseres Deutschland?“, „Wie kann es sein, dass die Entspannungspolitik dazu führt, dass man im Fernsehen Schmidt und Honecker Champagner trinken sieht, aber dennoch an der Grenze weiter scharf geschossen wird – und das in unserer unmittelbaren Umgebung?“

Warum er anfängt, seine Fotos zu machen, weiß er nicht. Es ist ein innerer Trieb, die Kamera hat er immer dabei und Nichtstun liegt ihm einfach nicht. Er hat in seiner Gemeinde vor kurzem mit einigen Mitstreitern zu einer guten Internetverbindung beigetragen. Als Kind sammelte er Tennisbälle und trug morgens Brötchen aus, um seine Kasse aufzubessern.

„Freiheit heißt auch Verantwortung“, sagt Ritter heute. Verantwortung für sich selbst, Verantwortung für andere. Und vielleicht war das auch der Auslöser für seine Fotos, Freiheit existierte schließlich nur auf einer Seite der Grenze.

Durch seine Grenzbilder geriet Ritter in das Visier der Staatssicherheit der DDR und auch vom Innenministerium der BRD gab es Besuche. Seine Fototechnik war so gut, dass er im Harz vom Wurmberg aus fotografierte, wie die Russen Radaranlagen auf dem Brocken aufstellten. „Da ging die anfängliche Naivität verloren“, sagt Ritter, der durch seine stets nur nebenberufliche Fotografie auf einmal Teil der großen Politik wurde.

Politisch ist er nach wie vor, will, dass aus Geschichte gelernt wird, schlägt im Gespräch den Bogen von Nazi-Deutschland über die Anlagen der innerdeutschen Grenze zu den Zäunen, die derzeit an den südöstlichen EU-Grenzen entstehen: „Die bauen wieder Zäune! Das, was da abgeht, ist doch nicht menschlich!“

Ritters Werk besteht unter anderem aus zwei Bildbänden, die seit Jahren immer wieder neu aufgelegt werden: „Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk“ und „Deutschland grenzenlos. Bilder der deutsch-deutschen Grenze gestern und heute“. Er veröffentlicht regelmäßig Kalender mit Grenzfotos, eine DVD ist entstanden und seine Bilder hat er international 49 Mal ausgestellt.

Die Ausstellung „Deutschland grenzenlos“ in Uelzen soll die letzte sein. Künftig will er mehr reisen, in nordische Länder – Dänemark, Nowegen –, natürlich auch um schöne Fotos zu machen. Er hat mit dem Grenz-thema abgeschlossen, findet es aber schön, endlich auch mal in seiner Geburtsstadt auszustellen.

Für seine Ausstellung, die morgen um 11 Uhr im Uelzener Rathaus feierlich eröffnet wird, wünscht Jürgen Ritter sich zahlreiche Besucher: „Mir geht es darum, dass die jungen Leute begreifen, in welchem Land sie leben.“ Deutschland, findet Ritter, sei wunderbar – „aber es gibt immer Dinge zu verändern“. Dass das möglich ist, zeigen seine Bilder.

Von Steffen Kahl

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