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Bruchtorfer wenden sich gegen Bestandsausbau der Bahn: „Man muss das große Ganze sehen“

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Von: Gerhard Sternitzke

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Die Bruchtorfer Stefan Trachsel und Claus-Philipp Graf
Die Bruchtorfer Stefan Trachsel und Claus-Philipp Graf leben mit den Erschütterungen durch die Bahnlinie. © Sternitzke, Gerhard

Die Anwohner in Bruchtorf positionieren sich gegen den Ausbau der Bestandsstrecke der Bahn. Sie befürchten massive Belastungen durch den Baulärm.

Bruchtorf – „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt Stefan Trachsel. Seit seiner Geburt lebt er an der Bahn. Bevor die Lärmschutzwand in Bruchtorf kam, konnte man auf der Terrasse kein durchgehendes Gespräch führen.

Gegen den Lärm der Züge anzuschreien, war sinnlos. Heute schlucken zusätzlich Lärmschutzfenster und ein lärmgedämmtes Dach fast jedes Geräusch. Nur der Kaminofen vibriert, wenn der Metronom vorbeifährt. Nachts, wenn schwere Güterzüge über die Gleise rattern, ist das anders. Dann gerät das ganze Haus in Schwingungen, und die Gläser klingen im Schrank. Dass die Strecke noch ausgebaut werden könnte, das mag sich der Bruchtorfer, der Vorstandsmitglied in der Bürgerinitiative Anwohner gegen Ausbau (Agade 21) ist, nicht vorstellen.

„Ich habe Angst, dass irgendwann der Giebel versagt“, erzählt Trachsel. Wenn der Boden gefroren sei, würden die Erschütterungen sogar noch stärker übertragen. An den Häusern an der Ilmenaustraße gibt es nach seinen Angaben Bauschäden, vor allem an den Ecken. Ein Ausbau der Strecke, wie von Bürgerinitiativen und Politikern gefordert, wäre aus seiner Sicht eine Katastrophe. „Stellen Sie sich vor, dass über Jahre gebaut wird, jede Nacht Lärm – die Lebensqualität ist dann ganz stark eingeschränkt“, ist Trachsel überzeugt.

„Allein die Bauphase von geschätzt zehn Jahren“, ergänzt Dorfbewohner Claus-Philipp Graf, ebenfalls Mitglied in Agade 21. Und am Ende würde es bei einem Bestandsausbau nicht nur um ein drittes, sondern auch ein viertes Gleis gehen. Und dafür müssten in Bad Bevensen und Bienenbüttel auch Häuser weichen. An den versprochenen „übergesetzlichen“ Lärmschutz mag er nicht glauben, denn am Ende gehe es auch um den wirtschaftlichen Umgang mit Steuermitteln. „Die Bürger wissen gar nicht, was sie erwartet“, warnt Trachsel.

Tatsächlich ist von den Bahnanwohner-Gemeinden bislang wenig zu hören – im Vergleich zu den Resolutionen und Protestaktionen der Neubaustrecken-Gegner. Agade 21, aktuell 100 Mitgliede stark, ist vor allem von Bewohnern aus dem von der Bahn zerschnittenen Deutsch Evern gegründet worden. „Wir versuchen es nicht lauthals zu machen, sondern entschieden voranzugehen und unsere Position mit Fakten und Zahlen zu belegen“, betont Trachsel. Und diese Fakten und Zahlen sprechen aus Sicht der Bürgerinitiative klar gegen den Bestandsstreckenausbau unter dem Titel Alpha-E, der mit einem Nutzen-Kosten-Faktor von 0,6 nicht wirtschaftlich umsetzbar sei und die Vorgaben des sogenannten Deutschlandtakts nicht erfülle.

Dagegen geht die Bürgerinitiative davon aus, dass die Variante mit Umfahrungen aus dem Bundesverkehrswegeplan auf eine Neubaustrecke durch das Kreisgebiet hinausläuft.

Agade 21 unterstützt die Lüneburger Resolution, die sich dafür einsetzt, eine Trasse rein nach Sacherwägungen zu suchen. „Wir wollen den Fachleuten die Entscheidung überlassen. Man muss das große Ganze sehen“, sagt Graf. Aus seiner Sicht spricht alles für eine Neubaustrecke an der Autobahn 7. Dass die Bahnhöfe in Uelzen, Bad Bevensen und Bienenbüttel dabei von überregionalen Zügen abgehängt würde, sei nicht zu erwarten. Trachel stellt klar: „Wir brauchen eine zukunftsträchtige Verbindung, die auch noch in 100 Jahren funktioniert.“

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