Birgit Hagen ist Klinikseelsorgerin im HGZ in Bad Bevensen und damit Wegbegleiterin in schweren Stunden

Mit Herz das Leben wieder in Takt bringen

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Auf dem Weg zur Intensivstation: Täglich geht Birgit Hagen durch die Tür, um mit den Patienten ins Ge- spräch zu kommen – ohne schnelle Weisheiten und Bibelsprüche loszuwerden.

Bad Bevensen. Es ist eine zufällige Begegnung im Fahrstuhl: Freundlich wird sich mit einem leisen „Guten Morgen“ zugenickt; ein Lächeln, ein nochmaliges Nicken, auf Anhieb ist da eine Nähe.

So plaudert die Patientin drauf los, erzählt Birgit Hagen, dass sie nach Operation und Reha-Aufenthalt „nun morgen endlich“ entlassen werde. Zuvor stünde aber noch ein Langzeit-EKG an, berichtet sie, bevor der Fahrstuhl abbremst und die Frauen wieder ihrer Wege gehen. Wäre Birgit Hagen nicht in Begleitung der Presse unterwegs, sicher hätte sich zwischen den Frauen noch eine Unterhaltung angeschlossen. Birgit Hagen sucht als Klinikseelsorgerin des Herz- und Gefäßzentrums das Gespräch mit den Patienten der Bevenser Einrichtung. Sie schaut auf den Stationen vorbei, macht Rundgänge, um ein „Wegbegleiter“ in einer für die Patienten schwierigen Zeit zu sein. Tag für Tag wird sie dabei mit der „Begrenztheit des Lebens konfrontiert“, so formuliert es die 56-Jährige.

Wer in der Akutklinik des HGZ liege, dem habe der Körper signalisiert, dass er dem Stress und der Hektik nicht mehr gewachsen ist, sagt Birgit Hagen. Das Leben ist, wie zuvor das Herz, aus dem Takt geraten. So lasse sie den Gesprächspartnern erst einmal den Raum, einfach das loszuwerden, was ihnen durch den Kopf gehe, um dann gemeinsam mit den Patienten in Erfahrung zu bringen, was ihnen Hoffnung gibt. Es könne nicht darum gehen, schnell Weisheiten oder einen Bibelspruch los zu werden, sagt Hagen. Sie wolle die Menschen mit ihren Sorgen abholen.

Was die Seelsorgerin im übertragenen Sinne meint, geschieht in ihrer Arbeit auch im wahrsten Sinne des Wortes. Vom Büro Hagens, das Parterre liegt, führen ein paar Stufen hinauf zu den Stationen. Gleich am Ende schließen sich zwei Türen an – eine führt zu den Operationssälen, die andere in eine der beiden Intensivstationen. Es ist ein trister Ort gegenwärtig, weil der Klinikbereich gerade renoviert wurde. Grauer Boden, Stühle mit Plastik-Sitzschalen. Wer als Angehöriger auf ihnen Platz nimmt, wartet auf das Ende einer Operation, hofft und bangt – und trifft auf Birgit Hagen. Es sei ein zentraler Ort für ihre Arbeit, sagt die Seelsorgerin. So wie sie für die Patienten da ist, ist sie auch für die Angehörigen da – hört zu, wenn es um das Leben, Hoffnungen, Glauben und den Tod geht. Birgit Hagen sagt, dass sie in ihrem Leben diesen Themen immer wieder begegnet sei, sodass der Weg zur Seelsorgerin nicht weit war – der frühe Tod ihres Vaters, ihr Dienst als Pastorin, die Arbeit ihres Mannes als Propst. Seit drei Jahren ist Hagen nun im HGZ tätig, zuvor war sie Klinikseelsorgerin in Osnabrück, wo viel stärker als in der Heide die Konfession eine Rolle spielte. Wie sehr ist ihre Tätigkeit überhaupt eine religiöse Arbeit? Finanziert wird ihre Stelle durch die Kirche und das HGZ. Um langfristig ein Seelsorgerangebot zu halten, wurde die Stiftung „Herz und Seele“ ins Leben gerufen. Ein Gespräch mit ihr münde nicht automatisch bei christlichen Fragen, sagt Hagen, aber sie sehe doch, dass in schweren Zeiten Menschen ein Urvertrauen entwickeln, dass da doch noch etwas ist. Menschen fänden im Glauben Hoffnung, Hoffnung wolle auch sie vermitteln. Wenn sie sich verabschiede, dann sage sie: „Bleiben Sie behütet.“

Auf dem Klinik-Parkplatz schafft es Hagen an diesem Vormittag nicht, den Satz dem Patienten, der ihr zuwinkend davonfährt, noch mit auf den Weg zu geben. Das Schönste sei, zu sehen, wenn Menschen wieder munter das HGZ verlassen könnten, sagt Hagen. So winkt sie dem Fahrer lange nach.

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