Es passiert in allen Ländern

Bad Bevensen: Dr. Swen Geerken hält Vortrag über Kindesmissbrauch

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Dr. Swen Geerken referierte unter der Überschrift „Keinen Kinderschutz können wir uns nicht leisten“. 

Bad Bevensen – Das Baby auf dem Foto sieht wach und wissend aus. Wie ein alter Mensch, doch es ist ein eingefrorener Blick aus jungen Augen. „Frozen watchfulness“ lautet der Fachbegriff.

Blicke, hervorgerufen durch traumatische Erlebnisse wie Hunger und körperlichen oder emotionalen Missbrauch, stundenlanges Schreien oder Vernachlässigung.

Dieses Foto ließ die Anwesenden erst mal erstarren, genau wie später die Bilder mit großen Hämatomen an Stellen des kleinen Kinderkörpers, die nicht etwa durch Sturz oder Stoßen entstehen können. Der Referent, der im Rahmen der Jahreshauptversammlung vor Mitgliedern des Kinderschutzbunds Bevensen zum Thema „Keinen Kinderschutz können wir uns nicht leisten“ sprach, wollte jedoch nicht schocken, sondern informieren.

Dr. Swen Geerken ist Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Helios-Klinikum Uelzen mit Schwerpunkt Neontalogie, das ist die Lehre der Pathologie und Physiologie menschlicher Neugeborener. Der Blick in den Alltag, die Erfahrungen des Arztes, Statistiken und Austausch mit anderen Fachleuten wirkten auf den zertifizierten Kinderschutzmediziner ein und ließen ihn aktiv werden. Er wolle sensibilisieren und informieren, fördern und fordern – „informierte Multiplikatoren“, denn jeder Fall „ist einer zu viel“.

„3.400 bis 3.800 Falle werden jährlich in der Kriminalstatistik erfasst – die Dunkelziffer bei Kindesmisshandlung ist wesentlich höher“, so der Mediziner. In 97,8 Prozent dieser erfassten Fälle sei der Täter Verwandter ersten Grades, die Mehrzahl der Tatverdächtigen sind Männer.

„Es passiert in allen Ländern, in allen sozialen Schichten – die Folgen wirken meist ein Leben lang. Jedes Schicksal ist eine Katastrophe.“

Bitter: In der Europäischen Region der WHO leben etwa 190 Millionen Kinder unter 18 Jahren. 18 Millionen von ihnen haben sexuellen Missbrauch erlebt, 44 Millionen körperliche Misshandlung und 55 Millionen psychische Misshandlung, wobei 90 Prozent aller Missbrauchsfälle unentdeckt bleiben.

Zur Prävention gehört, gefährdeten Familien zu helfen und positives Elternverhalten zu fördern. Die Verantwortung eines jeden, nicht nur die der Ärzte, sei sehr hoch.

Kinderschutzambulanz, Kompetenznetzwerk und weitere Ansprechpartner befinden sich im Aufbau, denn jedes misshandelte Kind „ist eines zu viel“.

VON UTE BAUTSCH-LUDOLFS

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