VOR 90 JAHREN

Bad Bevensen: Die abenteuerliche Luftreise des Freiherrn Koenig von Warthausen

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Groß ist das Interesse der Bevenser Bevölkerung an dem Flugzeug. Der Pilot hat mit der Maschine für die Etappe von Berlin über Moskau nach Teheran den Hindenburg-Pokal 1928 gewonnen.

Bad Bevensen – Die Sicherheits- außenlandung von Friedrich Karl Freiherr Koenig von und zu Warthausen in Bevensen jährt sich am heutigen Freitag zum 90. Mal – und damit auch der Abschluss seiner Weltumrundung.

„Mit dem Küken willst du nach Russland fliegen? Schreib mal ‘ne Ansichtskarte, wenn du in Fürstenwalde eine Panne hast“, spottete man, als sich Friedrich Karl Freiherr Koenig von und zu Warthausen vor 90 Jahren in sein Sportflugzeug setzte und als Jungflieger in Berlin abhob.

Karl Friedrich Freiherr Koenig von und zu Warthausen mit der Siamkatze, die ihm die thailändische Kronprinzessin Pantip Tanim geschenkt hat.

Den Pilotenschein frisch in der Tasche, verabschiedete er sich mit: „Wiedersehen in sechs Tagen“ und startete in eine unerforschte Landschaft. Zum Glück für seine späteren Leser nutzte der Flieger sein Logbuch, in dem alle Flüge dokumentiert werden, auch als Tagebuch. Denn eher zufällig flog Koenig-Warthausen einmal um die Welt mit seinem neu entwickelten Leichtflugzeug.

Ein vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ausgelobter Pokal für private Fliegerleistungen lockte 1928 viele Menschen an den Steuerknüppel. Mit jugendlicher Unbekümmertheit entschloss sich der 23-jährige Freiherr am 9. August 1928, kurz entschlossen mit seinem Flugzeug – einer Klemm L20 – in den Osten zu fliegen: „Ich hatte nur noch sechs Mark im Portemonnaie. Damit kommt man nicht bis nach Moskau. So legten meine Freunde zusammen und es wurden wenigstens vierzig Mark draus.“

Durch den Alleinflug entstanden immer wieder abenteuerliche Situationen, doch alle Menschen, denen er begegnete, packten mit an und ermunterten ihn, immer weiter zu fliegen: „Je mehr Sie mit Ihrer kleinen Klemm schaffen, umso besser für unser Vaterland“, klang es über Funk. Ab Teheran war es amtlich: Die Hindenburg-Ehrung, dotiert mit 10 000 Reichsmark, hatte der Freiherr durch den langen Flug gewonnen.

Damit sicherte er sich die Finanzierung seiner Weiterreise. Dass sich der Pilot damals eine Kamera kaufte, um seine Eindrücke zu dokumentieren, rundete die abenteuerlichen Schilderungen des jungen Fliegers mit Luftbildern eindrucksvoll ab.

Egal ob in der Wüste oder im Schnee – die Begegnungen waren vorwiegend wohlwollend und immer wieder deutsch: In den entlegensten Winkeln der Erde stolperte der Flieger über deutsche Auswanderer, mit denen er sein gelegentliches Heimweh mildern konnte. In vielen Ländern wurde er für sein kleines Klemm-Flugzeug mit einem 20 PS-Daimlermotor belächelt oder bewundert.

Mit Witz und Einfühlungsvermögen ist eine tolle Literatur entstanden. Erzählt wird von persönlichen Begegnungen mit berühmten Personen wie dem Zoologen Hagenbeck aus Hamburg auf der Suche nach neuen Wildtieren, dem Friedenspionier Mahatma Gandhi und einigen Staatsoberhäuptern.

„Während ich das morgens Versäumte nachzuholen begann – vom Betelnuss kauen wird man schließlich nicht satt – erschien ein Diener mit seidenem Turban und überreichte mir ein feierlich versiegeltes Schriftstück. Neugierig brach ich das Siegel auf, aber ich konnte nicht entziffern, was da geschrieben stand, es waren indische Lettern. ,Im Namen seiner Hoheit des Maharadschas‘, dolmetschte der Resident, lädt die Regierung Sie um die Mittagsstunde zu einem Ehrenessen.‘ ‘Ich hätte mich beinahe verschluckt. Unmöglich konnte ich in einer Stunde schon wieder essen.“ Bei seinen exotischen Erzählungen fiebert der Leser mit.

Wie der Verleger und Herausgeber Hans Angele in seinem Vorwort schreibt: „ Es ist ein seltener Zufall, dass dieser begnadete Pilot auch ein guter Erzähler und Chronist war.“ Es macht einfach Spaß, diese kurzweilige Geschichte zu lesen und mit zu bangen, ob auch der zweite Hindenburgpreis erflogen werden kann.

Das Buch wird mit einem Einblick über den Flugzeugbauer Hanns Klemm abgerundet. Der Ingenieur tüftelte jahrelang an der Idee, ein Kleinflugzeug für Privatflieger zu erfinden. Nach dem Ersten Weltkrieg war die deutsche Fliegerei durch den Friedensvertrag verboten worden, und so entwickelte der Eigenbrötler Klemm seine Leichtflugzeug-Idee in den Nachtstunden in größter Heimlichkeit. „Wir sollten die Fliegerei nicht nur für das Militär in Betracht ziehen“, befand damals Klemm und erfand für den 20 PS-Motor von Mercedes das solide Sportflugzeug. Dieser Flugzeugtyp steht – Pardon – hängt heute im Daimler-Benz-Museum in der Ausstellungshalle in Stuttgart.

In New York packte Koenig-Warthausen nach 15 Monaten sein Flugzeug in Kisten, um die sichere Überquerung auf einem Ozeandampfer zu gewährleisten. Von Bremen aus startete der Pilot, um seine Reise nach Berlin mit dem Flugzeug als Weltflug zu komplettieren. Die Berliner Zeitungen kündigten die Ankunft der Klemm-Maschine nicht nur im Sportteil an. Sie berichteten über das ausführliche Willkommensprogramm für den deutschen Abenteuerpiloten. Doch das Europa-Rundflug-Bankett im Aero-Club musste ohne Koenig- Warthausen beginnen.

Schlechtes Wetter über der Elbe ließ den erfahrenen Piloten landen. Aus seinem Bordbuch geht hervor, dass der undurchdringliche Nebel Koenig-Warthausen zu dieser Sicherheitsaußenlandung am 22. November 1929 in „Bevensen bei Ülzen“ zwang. Während das umfangreiche Begrüßungsprogramm für den Hindenburg-Flieger auf dem Flughafen Tempelhof angekündigt war, kümmerte sich der junge Flieger erst mal um sein Flugzeug und stellte dieses trocken unter, um dann mit der Bahn zu seinen Ehrungen nach Berlin weiterzureisen. „Mein Kamerad geht vor,“ meinte der Hindenburg-Preisträger fürsorglich. „Mir haben so viele Abenteuer gemeinsam durchlebt“.

• „Koenig der Lüfte. Der Weltflug 1928 des F. K. Freiherr von Koenig von und zu Warthausen“, Angele-Verlag, 3-9807403-0-7.

VON BRITTA MONTAG-JANSEN

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