Sprossensamen wurden in zwölf Länder Europas verkauft

Bauernopfer Gärtnerhof?

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„Worin die lückenlose Indizienkette besteht, ist uns nie erklärt worden.“ Uta Kaltenbach und Klaus Verbeck, Geschäftsführer des Gärtnerhofs im Bienenbütteler Ortsteil Steddorf, stellten sich am Mittwoch im Bad Bevenser Kurhaus bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen zum Thema EHEC der Öffentlichkeit.

„Schockiert“ sei er gewesen, dass sein Hof angeblich die Quelle der EHEC-Epidemie gewesen sein soll, sagt Verbeck. Und er kann bis heute nicht glauben, dass der Gärtnerhof verantwortlich sein soll für den Tod von 50 Menschen. Die Bundesbehörden verweigern den beiden die Akteneinsicht. Weder hilft dem Betrieb, dass Landwirtschaftsminister Lindemann betont, ein schuldhaftes Verhalten liege nicht vor, noch helfen die von ihm angebotenen Überbrückungskredite. „Wir haben insgesamt 225 Kilo Bockshornkleesamen von einem Biohändler in Nordrhein-Westfalen gekauft“, erklärt Verbeck, „aus einer Partie, die 15 Tonnen umfasste.“ Jeder im Saal habe wahrscheinlich Bockshornkleesamen in seiner Küche.

„Da ist ein Hauptbestandteil von Curry.“ Für Verbeck bleiben in dieser Geschichte viele Fragezeichen: „Die Samen sind nicht nur in Deutschland vertrieben worden, aber die Epidemie ist nur hier ausgebrochen.“ Nach Informationen der AZ sind die Samen in zwölf europäische Länder verkauft worden. Nicht ein einziger EHEC-Keim ist auf dem Gärtnerhof nachgewiesen worden, weder in den Sprossen noch in den Betriebsgebäuden. Und bei der Schuldzuweisung des Ministeriums sind falsche Behauptungen und fehlerhafte Übersetzungen im Spiel. So erklärte Lindemann, die Sprossen würden mit 38 Grad warmem Wasser vorgekeimt – ideale Bedingungen für Keime.

„Wir arbeiten mit 20 Grad kaltem Wasser“, korrigiert Verbeck. Auch die wiederholten Verweise des Ministerium auf frühere EHEC-Epidemien in Japan und den USA, die durch „Sprossen“ verursacht worden seien, entpuppte sich inzwischen als Übersetzungsfehler. In der englischen Fachliteratur zum Thema findet sich das Wort „sprouts“, was zunächst einmal alles bezeichnet, was sprießt, so auch den japanischen Pflücksalat, der dort für EHEC verbreitet haben soll – aber eben nicht unbedingt Sprossen.

Fatal für den Gärtnerhof: „Es bleibt im Raum stehen, dass wir die Ursache sein könnten, aber ein Interesse an einer wirklichen Aufklärung scheint nicht zu bestehen“, klagt Verbeck. Auch Meyer kritisiert, dass man sich im Ministerium nicht unbedingt anstrenge, die wirklichen Ursachen zu finden. Die angekündigte Kommission, die in Ägypten nach dem Keim forschen sollte, ist nie dorthin gereist und noch immer dürften 16 Landesbehörden bei den Kontrollen vor sich hin werkeln, sich nicht einmal auf gemeinsame Datenbanken einigen können. „Das ist hochgradig fahrlässig. Die nächste Epidemie kommt bestimmt.“

Von Jürgen Köhler-Götze

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