1. az-online.de
  2. Uelzen
  3. Bad Bevensen

Autobahn für den Kammmolch

Erstellt:

Kommentare

Leiteinrichtung an der Straße neben dem Ortsschild.
Leiteinrichtungen aus Beton sollen Amphibien zu Tunneln unter der Straße zwischen Oetzendorf und Masendorf führen. foto: sternitzke © Sternitzke, Gerhard

Zur Hochzeit zieht der Kammmolch sein schönstes Kleid an. Der gezackte Kamm, der ihm das Aussehen eines eingelaufenen Dinosauriers gibt, soll seine Artgenossinnen in den Tümpeln bei Oetzendorf beeindrucken. Damit die Amphibien auf dem Weg von und zur Paarung nicht unter Autoreifen enden, investiert der Landkreis erstmals über 700 000 Euro in ein Schutzsystem mit 23 Tunneln unter der Kreisstraße nach Masendorf.

VON GERHARD STERNITZKE

Oetzendorf –Die Arbeiten an dem Pilotprojekt sollen laut der Spezialfirma aus Baden-Württemberg bis Ende Juli abgeschlossen werden. Auf der Ostseite, wo die Tümpel liegen, sind bereits U-förmige Betonelemente verlegt, durch die die Kammmolche, Grasfrösche und Moorfrösche zu den Tunneln geleitet werden sollen. Der Überstand der Spezialanfertigungen schützt die Amphibien. „Jedes Tier möchte leben. Wenn das eine senkrechte Wand wäre, würden die Krähen und Elstern sehen, wo die Tiere laufen, und sie fressen“, erklärt Firmenchef Egon Zieger, der europaweit solche Schutzeinrichtungen baut. „Gleichzeitig beschattet der Stein die Jungamphibien.“ Die wandern nämlich – anders als die Elterntiere – tagsüber und könnten auf aufgeheiztem Material Schaden nehmen.

Wenn diese 825 Meter langen Leiteinrichtungen, die Amphibienautobahn, fertiggestellt sind, werden die Tunnel gebaut. Sie werden eigens mit Einrichtungen versehen, die ein Umkehren der Tiere verhindern sollen. Die Zahl der Tunnel ergibt sich aus einer Untersuchung der Wanderwege der Amphibien, die immer ihr Kindheitsgewässer aufsuchen.

Manche der sieben Amphibienarten aus den Schutzgebieten beiderseits der Straße haben nur einen geringen Aktionsradius. „Es ist wichtig, dass die Tiere keinen erhöhten Energieaufwand haben“, betont Experte Zieger. Länger als 30 Meter soll der Weg zum Durchlass nicht sein, denn je weiter die Tiere laufen, um so größer das Risiko, gefressen zu werden. Zu den Tunneln werden kleine Rampen herunterführen.

Grund für den Aufwand – 220 000 Euro erhält der Landkreis vom Land, der Rest wird durch Ausgleichsgelder für Baumaßnahmen finanziert – ist der besondere ökologische Wert des Gebiets mit dem Mührgehege und den acht geschützten Tümpeln auf der anderen Seite. Es handelt sich um das größte Vorkommen des Kammmolchs in der Lüneburger Heide. Seit 2012 wurde die Kreisstraße wegen der Amphibienwanderung über Nacht gesperrt.

Derzeit liegt der Erdaushub mit vielen Feldsteinen auf dem Asphalt. Schon bei der Arbeit mit dem Bagger war Sensibilität gefragt. Auch im Straßengraben ist Leben verborgen. So holten Ziegers speziell artenschutzrechtlich geschulte Mitarbeiter allein 47 Blindschleichen aus dem Boden, die dort in ehemaligen Mäusegängen überwinterten.

Auch einige der Hauptdarsteller mit dem gezackten Kamm kamen zum Vorschein. Die Kammmolche müssen in diesem Jahr länger als üblich an ihrem Hochzeitsgewässer bleiben. Die Leiteinrichtungen verwehren ihnen das Überqueren der Baustelle, bis die Tunnel eingebaut sind.

Auch interessant

Kommentare