Aus Liebe zuckerkrank: Ein Arzt und ein Patient erinnern sich

Der Abriss der ehemaligen Bevenser Diabetes-Klinik hat begonnen

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Bad Bevensen. Ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Diabetes-Klinik Bad Bevensen verschwinden die Gebäude aus dem Stadtbild. Der Abriss hat begonnen. Das Grundstück steht nach vergeblichen Versuchen, eine Nachnutzung zu finden, zum Verkauf (AZ berichtete). Einst herrschte auf dem Gelände „Am Klaubusch“ reges Leben. In ihren besten Zeiten zählte die Klinik 145 Betten und rund 80 Mitarbeiter. 2003 war Schluss.

Bad Bevensen. Ein Stück Geschichte verschwindet aus Bad Bevensen. Kein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus in der Innenstadt. Kein Denkmal, das den Zeitgenossen unverständlich wäre.

Ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Bevenser Diabetes-Klinik hat der Abriss begonnen. Behandlungszimmer landen auf dem Müll. Die Gebäude, darunter das erste Bevenser Kurmittelhaus, verschwinden.

Sondern ein Zweckbau der Sechzigerjahre, die erste große Gesundheitseinrichtung der Kurstadt: Der Abriss der Diabetes-Klinik am Stadtrand hat begonnen. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung werden die Gebäude aus dem Stadtbild getilgt. Die Geschichte beginnt mit einem Arzt und einem dankbaren Patienten. Dieser, Bauunternehmer und in Bad Bevensen unter dem Spitznamen Zucker-Meyer bekannt, kaufte für den Diabetes-Spezialisten Dr. Wilhelm Ingenhorst 1965 ein Hotel am Klaubusch, direkt neben dem ersten Bevenser Kurmittelhaus, um dort eine eigene Klinik zu gründen. Nach einer Erweiterung in den Achtziger Jahren umfasste die Einrichtung vier Stationen mit insgesamt 145 Betten.

Die Geschichte erzählt Dr. Hans-Jürgen Wedemeyer, von 1981 bis 2001 leitender Oberarzt der Klinik, in der zu den besten Zeiten 80 Mitarbeiter von der Krankenschwester bis zum Mediziner beschäftigt waren. Bei den dreiwöchigen Aufenthalten lernten die Patienten, die man damals Zuckerkranke nannte, mit ihrer Einschränkung umzugehen. Das Messen, Spritzen, eine angepasste Ernährung. In den Neunzigerjahren wurde eigens eine Lehrküche errichtet.

Auch Martin Schimschar war in den achtziger Jahren Patient auf dem hohen Ufer über der Ilmenau. „Viele sind jedes Jahr hingefahren, um eingestellt zu werden, ehemalige Kumpels zu treffen und ein bisschen Urlaub zu machen“, erzählt der 63-Jährige, der das Deutsche Diabetes-Museum leitet. „Die Klinik lag an der schönsten Stelle Bad Bevensens. Man konnte auf die Ilmenau runtergucken, es war ruhig“, erinnert sich der Rentner. Als die Klinik, in der das Museum untergebracht war, 2003 dichtmachte, zog er damit nach Bad Lauterberg um.

Schuld war die Gesundheitsreform von 1989. Diabetes galt damit als ambulant behandelbar. Schlagartig brach die Zahl der Patienten ein. Ideen gab es sehr wohl, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Etwa psychosomatische Erkrankungen wie Magersucht und Adipositas (Fettsucht). Aber die Geschäftsführung scheute neue Ansätze, erzählen Schimschar und Wedemeyer übereinstimmend. Auch eine Kooperation mit der Herz-Kreislauf-Klinik kam nicht zustande. 2003 ging die Klinik in die Insolvenz.

Die Mitarbeiter hatten ein halbes Jahr, immer wieder vertröstet, ohne Gehalt gearbeitet. „Mit dem Weihnachtsgeld fing es an“, berichtet Hans-Jürgen Wedemeyer. „Es hieß immer wieder: Wir haben einen Investor. Halten Sie durch!“ Das Insolvenzverfahren steht jetzt, 15 Jahre nach dem Ende der Klinik, vor dem Abschluss. Große Hoffnungen machen sich die Mitarbeiter nicht.

Wedemeyer liebte seinen Beruf. „Wir hatten den Eindruck, hier kann man existenziell helfen, und wenn die Patienten die Regeln begreifen, können sie wunderbar alt werden“, erzählt der 77-Jährige, der noch in Bevensen lebt. Die Klinik hatte einen besonderen Ruf für die Behandlung diabetischer Füße, eine Spätfolge zu hoher Zuckerwerte.

Eine Patientin ist Wedemeyer besonders im Gedächtnis. Sie fiel auf, weil ihre Urinprobe einen Schleier, aufwies, der sich merkwürdigerweise mit der Zeit verflüchtigte. Die Frau hatte sie verfälscht, um in der Klinik bleiben zu dürfen. Sie hatte sich in einen Patienten verliebt, erinnert sich der Mediziner.

Auch andere Pläne zerschlugen sich. Eine Investorengruppe versuchte, am Klaubusch eine Wellness-Klinik zu etablieren. Der jetztige Eigentümer, ein Geschäftsmann aserbaidschanischer Herkunft, wollte Heilmittel auf Erdölbasis in Bevensen verabreichen. Passiert ist nichts. Die Gebäude aus den Sechzigerjahren waren veraltet. Krankenhausbetten waren nur schwer über die schmalen Flure des ehemaligen Hotels zu bugsieren. Nun steht das Gelände zum Verkauf.

Der Abrissbagger hat ein Stück Wand aufgerissen. Dahinter hängt die Treppe in der Luft. Gespenstisch stehen die Stahlarmierungen hervor. Arbeiter stellen die ausgebauten Fenster nebeneinander auf die Balkone. Neben einem Müllcontainer ein Stapel zerschlagener Schränke. Ein Schreibtisch ist noch zu erkennen. Hans-Jürgen Wedemeyer stimmt das Bild traurig: „Es war eine schöne Zeit.“

Von Gerhard Sternitzke

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