Abgenagt bis auf die Knochen

Wölfe reißen und fressen Heidschnucken in Tatendorf – Wolfsberater: Zaun war unvollständig

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Trauriger Anblick gestern Morgen in Tatendorf bei Ebstorf: Einige getötete Tiere, ein paar Eingeweide und Gerippe ließen die Wölfe nach ihrem Angriff auf eine Heidschnuckenherde zurück.

Tatendorf. Bei dem Gedanken an seine Kinder schnürt es Kai Jenckel die Kehle zusammen, seine Stimme bricht. „Nach dem Vorfall vor knapp zwei Jahren war ihr Lieblingsschaf getötet worden“, erzählt der Tatendorfer, „sie hatten gerade ein neues Lieblingsschaf gefunden.

Und das ist jetzt auch wieder weg... “ In der Nacht zu Donnerstag nämlich sind zum wiederholten Male Wölfe in Jenckels Weide eingedrungen. Dieses Mal haben sie acht seiner insgesamt 15 Heidschnucken getötet und teils aufgefressen. Das Lieblingsschaf der Kinder war eines der Opfer.

Eins der toten Tiere.

Wolfsberater Theo Grüntjens erklärt auf AZ-Nachfrage, dass die Spurenlage „wolfstypisch“ sei. „Es waren garantiert mehrere Wölfe“, sagt er, denn von drei Heidschnucken ist kaum noch etwas übrig geblieben. „Da liegen nur noch die Hörner“, ist Kai Jenckel fassungslos. Zwischen 60 und 80 Kilogramm Fleisch müssen die Raubtiere demnach gefressen haben. Für Wolfsberater Grüntjens auch ein Indiz dafür, dass es sich um eine Gruppe mit Jungwölfen gehandelt haben könnte, die zurzeit von den Alttieren das Jagen lernen.

Dass die Tiere überhaupt an die Heidschnucken herankommen konnten, liegt aus Sicht des Wolfsberaters vor allem an der mangelhaften Sicherung der Weide. „Es wurde sehr viel Geld in einen Zaun investiert, aber der ist von einer Qualität, wo die Wölfe an allen Ecken und Enden rein- und rauskönnen.“ Ein Untergrabeschutz fehlte komplett. „Es war kein Mindestschutz vorhanden.“

Kai Jenckel

Nach dem ersten Wolfsangriff im Februar vergangenen Jahres hatte Kai Jenckel den Weidezaun aufgerüstet und unter Strom gesetzt. „Wir haben mehrere tausend Euro investiert“, sagt er, „aber es hat nichts genützt. Es ist leicht zu sagen, man muss es anders machen, aber das kostet nicht nur Geld, sondern auch viel Arbeit. Und wenn die Wölfe rein wollen, dann kommen sie auch irgendwie rein.“ Ob Jenckel jetzt resigniert? „Ab heute ja“, sagt er. Einen „Hochsicherheitstrakt“ für seine verbliebenen sieben Schnucken zu bauen, das werde er nicht.

Theo Grüntjens allerdings hielte es für „fatal, wenn die Wölfe hier trainiert werden“, betont er. Denn wo die Raubtiere einmal erfolgreich gewesen seien, dorthin kehrten sie oft auch ein weiteres Mal zurück. Die Situation sei umso ernster, weil in direkter Nachbarschaft des Tatendorfers Jenckel auch Berufsschäfer Gerd Jahnke seine Weiden habe.

Die Tatsache, dass die Wolfsrisse rund 20 Meter vom Wohnhaus geschehen sind, bereitet Kai Jenckel besonders Sorgen. „Nach dem ersten Vorfall hatte man schon Bedenken“, sagt er, „aber jetzt ist einem doch mulmig. Vor allem wegen der Kinder.“ Das Gehöft befindet sich in Alleinlage bei Ebstorf. Ob Jenckel seine Sprösslinge weiterhin durch Wald und Feld ziehen lassen werde, das bezweifle er.

Grundsätzlich betont Theo Grüntjens, dass sich jeder Weidetierhalter an das Land Niedersachsen wenden könne und dort bis zu 80 Prozent für Präventionsmaßnahmen gegen den Wolf erstatte bekäme. Und wenn dann ein Grundschutz vorhanden sei, gebe es auch eine Entschädigung durch das Land. „Allerdings muss man diese Maßnahmen auch zu hundert Prozent umsetzen und nicht zu neunundneunzig. Denn das eine Prozent, das findet der Wolf.“

Von Ines Bräutigam

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