Austeilen und Einstecken

Rainer Döllefeld

Kennen Sie die chinesische Geschichte von dem armen Brautpaar, das Hochzeit feiern wollte? Obwohl sie nicht viel Geld hatten, sollten ihre vielen Freunde beim Hochzeitsfest mitfeiern.

Geteilte Freude ist doppelte Freude, dachten sie. Es sollte ein einfaches fröhliches Fest werden. Also baten sie alle Eingeladenen, je eine Flasche Wein zur Feier mitzubringen. Am Eingang würde ein großes Fass stehen, in das sie ihren Wein gießen könnten. So sollte jeder die Gabe des anderen genießen und alle gemeinsam froh und ausgelassen sein.

Als das Hochzeitsfest eröffnet wurde, liefen die Kellner zu dem großen Fass und schöpften daraus. Sie teilten das Festgetränk an alle aus. Dann wurde angestoßen. Doch das Erschrecken aller war groß, als sie merkten, dass nur Wasser im Fass war. Versteinert stand jeder mit seinem Glas Wasser da.

Was war geschehen? Offenbar hatte jeder gedacht: „Die eine Flasche Wasser, die ich hinein gieße, wird nicht auffallen. Niemand wird etwas schmecken.“ Jeder wollte dieses Mal auf Kosten der andern feiern. Das war so beschämend, dass sich bald einer nach dem anderen verabschiedete. Die Hochzeitsfeier war geplatzt, noch ehe sie richtig angefangen hatte.

Jede Gemeinschaft platzt, wenn Geben und Nehmen aus der Balance gerät. Misstrauen fängt an, alles zu beherrschen, wenn die Beteiligten nicht offen die Ungerechtigkeiten klären. Aber unsere Gesellschaft wartet auf Menschen, die dann den Mut haben, großzügig zu bleiben. Ein Vertrauensvorschuss wird manchmal ausgenutzt, aber wenn wir grundsätzlich dem Misstrauen folgen, manövrieren wir uns in eine eiskalte Welt.

Ein Wort aus der Bibel gibt mir in diesem Zusammenhang zu denken:

„Einer teilt aus und wird doch reicher, ein anderer spart mehr als recht ist, und wird nur ärmer.“ (Sprüche 11,24)

Rainer Döllefeld ist Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Uelzen, Friedenskirche (Baptisten).

Von Rainer Döllefeld

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