Ausgehen

Eine Getränkemarke wird derzeit mit folgendem Slogan beworben: „Ausgehen ist das neue Einloggen. “ Trotz digitaler Halbbildung weiß ich, dass ‘Einloggen‘ das Starten des Computers bedeutet (gilt auch für Laptops, Handys, Tablets, Games und so weiter).

Nach dem Einloggen beginnt die Kommunikation, die digitale. Hinter dem munteren PR-Gag „Ausgehen ist das neue Einloggen“ steht eine traurige, eine teilweise schon tragische Entwicklung für diejenigen, die zu viel Einloggen. Denn das ständig zunehmende digitale Kommunizieren mit engen Verschworenen und mit aller Welt lässt immer mehr Menschen zunehmend unfähig werden, direkt zu kommunizieren. Von Mensch zu Mensch.

In einigen neuen Diagnose-Systemen der Psychiatrie wird sie stehen und Therapeuten behandeln sie seit einiger Zeit: Die wachsende Unfähigkeit des Menschen zur direkten Kommunikation (lat. Communicatio= Anteilnahme, Gemeinschaft) mit Menschen – weil er so virtuos digitale Kommunikation treibt. Die ständig zunehmenden Kontaktaufnahmen in der virtuellen, künstlichen Welt mit aller Welt fressen die Zeit und die Energien auf, die für menschliche Begegnungsgestaltung ohne zwischengeschaltete Medien wichtig sind. In Japan besuchte ich eines der knapp tausend Beratungs- und Therapiezentren für Menschen, die glühende Liebesbriefe oder die Menüs der heutigen Mahlzeiten in den Orkus simsen oder mailen oder videographieren, aber keinen „guten Tag“ mit klarem Augenkontakt zu wünschen imstande sind ohne Erröten und Sprachhemmung oder andere Symptome der Kontakt- und Bindungssperre.

Martin Buber definierte Begegnung (sinngemäß) als Ort, in der sich Menschen die ihnen mögliche Wahrnehmung einander schenken. Was sagt die Körpersprache meines Gegenübers, wie klingt die Stimme, wie riecht der andere, wie schaut sein Auge mich an. SMS, E-mails und alle diese Kommunikatoren sind ein Sieb, durch das die Gegenwart des anderen fällt.

Gegenwärtig lockt die gamescom-Messe, in der neueste PC-Spiele beworben werden, die 35 Millionen Mitbürger, die regelmäßig spielen. Leider nicht miteinander, sondern allgemein gegen das Böse und für die Verbesserung der Welt. Weltverbesserungsmaschinen waren immer schon zum Gegenteil führend. Natürlich tippte ich diese Moralpredigt auf meinem PC und sende sie digital an die Zeitung ohne lebendigen Kontakt zu ihr. Aber immerhin gehe ich jetzt rüber zum Nachbarn und esse frische Pflaumen (mit Sahne). Ich gehe aus als neues Einloggen.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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