18.52 Uhr zwischen Bode und Ebstorf

Lieber Jogger, Sie haben es ausgelöst, aber vielleicht nicht mitgekriegt: Ihren Fast-Verkehrstod. Am 14. März zur obigen Zeit auf der kleinen Verbindungsstraße, raus aus Bode, Richtung Allenbostel.

Wollten Sie vielleicht wirklich nur joggen in der Dunkelheit und frischen Luft – oder wollten Sie es „darauf ankommen“ lassen, sich umzubringen, indem sie sich umbringen lassen?.

Sie wären um weniger als ein Haar breit ist, tot gewesen – ihre Angehörigen jetzt in Trauer und ich als Angeklagter für Jahre vor Gericht. Und nie mehr meines Lebens froh als jemand, der zwar nicht überschnell, aber auch nicht langsamer als 80 und in Vorfreude auf das Zuhause nach langer Dienstfahrt Sie nicht etwa über den Haufen gefahren hätte. Ich hätte sie zu einem Haufen verstümmelten Fleisches und zerstörter Glieder verfahren.

Die Szene: Da kommt er mir entgegen, der Truck. Ganz normal. Abblendlicht unten, lustiges Bunt an Lichtern oben auf der Führerkabine. Ich seh ihn auf der engen Straße herankommen, entgegenkommen, weiche als David dem Goliath aus, nach rechts, auf die Grasnarbe der engen Kreisstraße untersten Ranges. Im Auge links ein Meter entfernt den Scheinwerfer des Trucks, rechts Stockdunkel. Da – Sie laufen auf mich zu – weniger als einen gefühlten Viertelmeter entfernt, heraus aus völliger Dunkelheit.

Sind Sie wirklich gejoggt – oder probten sie einen andere Menschen belastenden Suizid? Sind Sie wahnsinnig – in einem mindestens dunkelblauen, wenn nicht schwarzen Joggeranzug in völliger Finsternis auf einer Straße joggen zu wollen, wo sich eben nicht nur theoretisch zwei Fahrzeuge begegnen – und ausweichen müssen. Sondern praktisch. Ein Riesentruck – und meine Kutsche. Es schien kein Mond, der sie mir als Silhouette hätte zeigen können, als sich bewegendes Etwas. Die weißen oder silbernen Streifen wie die Biesen an den Hosen des Generalstabs trugen Sie an der rechten Hosenseite, nicht vorne, geschweige ein Sicherheitslicht.

Ich weiß nicht, ob und wie Sie dann doch nachträglich die Folgen Ihres Adrenalinstoß fühlten (weiche Knie, Zittern). Ich jedenfalls. Und ich hoffe, daß Sie weiterhin gut leben. PS: Dass ich Sie nicht verdamme, in therapeutische Behandlung wünsche oder sonstwas – das verdanken Sie dem Umstand, daß ich unter anderen Umständen auch einmal mich und einen anderen, auch unbekannt Gebliebenen auf die Schaufel springen ließ, von der wir beide runterkamen, weil der Andere einen Engel obersten Ranges hatte und mir auswich. Wie ich bzw. mein Engel (ein Untererzengel reichte) Ihnen.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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