Toten(kopf)stimmung in Wolfsburg

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Wieder einmal jubelt der Gegner (St. Paulis Deniz Naki) und hinterlässt beim VfL (l. Arne Friedrich) ratlose Gesichter. Wolfsburg präsentierte sich beim 2:2 erneut wie ein Absteiger.

Wolfsburg - Von Ingo Barrenscheen. Den vielleicht letzten Hoffnungsfunken auf Liga eins erlebten Teile der Wolfsburger Fans schon gar nicht mehr mit. Vergrault von einer erschreckend-abstiegsreifen Anti-Leistung des VfL waren sie vom Ort des Grauens geflüchtet und verpassten Jan Polaks Last-Minute-2:2 im Abstiegs-Endspiel gegen den FC St. Pauli.

Ein Dusel-Punktgewinn sondergleichen und damit ein Armutszeugnis für ein Ensemble von Einzelkünstlern, das zuhause von einem mit bescheidenen Mitteln bestückten Kult-Klub vom Kiez beherrscht worden war... Leidenschaft und Leichtigkeit im Spiel im Angesicht der Zweitklassigkeit offenbarte am Sonnabend maßgeblich St. Pauli. Bezeichnend: Der Aufsteiger, gerade einmal mit einem Fünfzigstel der VfL-Millionen verstärkt, verbuchte 18:9-Torschüsse auf des Gegners Platz.

Deshalb und vor allem dank des Strohhalm-Tores von Polak in der 89. Minute musste Wolfsburgs Coach Felix Magath zähneknirschend von einem „gewonnenen Punkt“ philosophieren. So seltsam es sich angesichts der Voraussetzungen beider Klubs anhört. Von Wunderheilung unter seiner Regie bislang keine Spur. „Wir haben nicht genügend gemacht“, bemängelte Magath. „Obwohl ich versucht habe, Spieler aufzustellen, die in Einsatz und Laufbereitschaft stärker sind.“ Davon war in den 90 bedeutsamen Minuten nichts zu sehen.

St. Pauli stellte speziell in der ersten Hälfte die bessere, strukturiertere, agilere Einheit, versemmelte aber beste Gelegenheiten etwa durch den nicht zu bändigenden Charles Takyi (33.). So kam Wolfsburg durch ein Abseits-Tor von Mario Mandzukic zur mehr als schmeichelhaften Führung. Doch die verlieh dem VfL weißgott keine Sicherheit.

St. Pauli schaute sich das Betteln um Gegentore nicht länger mit an und schlug durch Deniz Naki (61.) und Matthias Lehmann (77.) zu. „Wir dürfen nach dem 1:0 nicht in solche Probleme kommen“, war Magath fassungslos. Erst mit dem Horror-Szenario vor Augen entdeckten die Wölfe so etwas wie Leidenschaft.

So wurde zumindest der Absturz auf den direkten Abstiegsplatz verhindert. Das rettende Ufer aber entfernt sich. Derzeit scheint die Relegation das Maximum der Gefühle zu sein. Aus Magath sprach offenbar der Sarkasmus, als er meinte: „Fußball wird auch in der 2. Liga gespielt. Ich habe dort schon gearbeitet und kann daran nichts Schlechtes finden.“

Die VfL-Fans schon. Und das taten sie mit Schimpf-Tiraden offen kund. St. Pauli hinterließ vor allem eines in Wolfsburg: Toten(kopf)stimmung.

Das Spiel-Stenogramm:
VfL Wolfsburg: Benaglio (Note 5) – Riether (5), A. Friedrich (3), Kjaer (5), M. Schäfer (5) – Josué (5/ 79. Helmes) – Hasebe (4/52. Polak), Dejagah (5) – Diego (5/72. Koo) – Grafite (5), Mandzukic (3) 

St. Pauli: Kessler – Lechner, Thorandt, Eger, Gunesch – Boll (65. Daube), M. Lehmann – Bruns (58. Naki), Takyi, M. Kruse – Asamoah (76. Ebbers)

Tore: 1:0 Mandzukic (39.), 1:1 Naki (61.), 1:2 Lehmann (77.), 2:2 Polak (89.)

Gelbe Karten: Bruns, Asamoah / Hasebe, Koo

Zuschauer: 30.000 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München)

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