Littbarski-Interview: "Sind von Problemen überrollt worden"

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Pierre Littbarski spricht im dpa-Interview Klartext und kritisiert auch das System Magath.

dpa Wolfsburg. Für Pierre Littbarski sind es keine leichten Tage. Der Interimstrainer des VfL Wolfsburg kämpft mit seiner Mannschaft um den Verbleib in der Fußball-Bundesliga und ist in Sorge um seine japanische Frau. Die befindet sich derzeit bei ihrer Familie in Japan. Littbarski, der selbst viele Jahre in Japan gelebt hat, will sich auf den VfL konzentrieren. "Die Arbeit muss 100-prozentig gemacht werden. Für Europäer ist das schwierig zu verstehen", sagte der Weltmeister von 1990 im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Sie haben lange in Japan gespielt und eine japanische Frau. Können Sie sich derzeit voll auf Fußball konzentrieren?

Littbarski: "Ich habe drüben gelernt, dass man eine Aufgabe hat und die erfüllen muss. Ich habe Kontakte zu Japanern, die in den Krisengebieten wohnen oder wohnten und die gehen trotzdem zur Arbeit. Da gibt es das Denken nicht: 'Jetzt fahre ich sechs Wochen irgendwo hin, wo ich in Sicherheit bin.' Das habe ich mir mit der Zeit auch so angeeignet. Die Arbeit muss 100-prozentig gemacht werden. Für Europäer ist das schwierig zu verstehen."

Trotzdem werden Sie doch sicher Sorgen haben?

Littbarski: "Die Sorgen sind da. Aber ich bin auch anders informiert. Hier kommt ja alles komprimiert an. In den japanischen Medien werden auch die Tragödien gezeigt, aber man schaut eigentlich eher nach vorne und zeigt Lösungswege auf. Hier in den Medien ist immer nur die Rede vom Super-GAU. Wenn ich mit meiner Frau oder Freunden spreche, die haben ganz andere Sorgen. Da geht es darum: Wie bekomme ich Wasser, Benzin? Wie kann ich meinen Tag gestalten, damit ich zum nächsten Tag komme? Wir arbeiten hier nur die Trauer auf, aber Trauer hilft den Leuten ja nicht. Natürlich erlebe auch ich Dramatisches. Es gibt Nachwuchsspieler aus einer mir bekannten Fußballschule in Sendai, die sind immer noch nicht wieder aufgetaucht."

 Ihre Frau ist derzeit in Japan?

Littbarski: "Sie ist in Yokohama. Ich weiß, dass sie nachts keinen Strom hat und sich eine Schlange bis zu Tankstelle gebildet hat und dass die Leute, sechs, sieben Stunden warten, um 30 Liter zu tanken. Ich weiß, dass die Supermärkte leer sind. Aber ihr geht es gut.» Sie haben auch sportlich große Sorgen. Wolfsburg ist Vorletzter, wollte aber in den Europapokal. Wie konnte es dazu kommen? Littbarski: «Wollen Sie das Gesamtpaket haben: Zwei Jahre geschlunzt und auf dem Meistertitel ausgeruht oder die Situation jetzt?"

So konkret es geht, bitte.

Littbarski: "Der VfL ist 2009 Meister geworden. Wer Meister wird, wird meistens faul. Dafür gibt es viele Beispiele. Nur die Bayern haben es verstanden, sich jedes Jahr neu zu motivieren. Steve McClaren hat einmal das Beispiel von Manchester United gegeben. Die haben mal alles gewonnen: Europapokal, Meisterschaft, Pokal, waren 50 Spiele lang ungeschlagen. Die haben dann gesagt, wir machen einfach von jedem etwas mehr. Statt 20 Sprints machen wir 21. Hier haben sie fünf weniger gemacht und jeder war sehr zufrieden mit sich."

Sie sprechen über die Vergangenheit. Woran hapert es aktuell?

Littbarski: "Die Jungs haben nicht mehr denselben Biss wie vor zwei Jahren. Steve McClaren hatte seine Vorstellungen. Edin Dzeko zum Beispiel ist zum Kapitän gemacht worden, weil er weg wollte. Das sollte motivierend wirken, hat aber nicht geklappt. Die Probleme waren da. Dann gab es die Systemfrage. Der Trainer wollte 4-3-3 spielen, weil die Rückwärtsbewegung der Angreifer nicht in Ordnung war. Dann haben uns die anderen Mannschaften auf den Außenpositionen den Hintern aufgerissen. Das haben wir nicht gelöst bekommen."

Fehlt es an den entsprechenden Tugenden im Kampf gegen den Abstieg?

Littbarski: "Wir haben nachweislich nicht genug Laufaufwand betrieben in der Vorrunde. Das ist jetzt vorhanden. Ich weiß: Wenn wir den Aufwand betreiben wie gegen Freiburg, Nürnberg und Gladbach, kommen wir unten raus. Wenn nicht, dann kommen wir da nicht raus."

 Es wurde bereits über Ihre Ablösung und einen Feuerwehrmann wie Hans Meyer spekuliert. Wie gehen Sie damit um?

Littbarski: "Dazu muss man wissen, dass Dieter Hoeneß und ich uns schon nach der Entlassung von Steve McClaren unterhalten habe. Und er hat mir gesagt, dass er natürlich mehrere Varianten geprüft hat. Das ist normal. Das gehört zum Geschäft. Das ändert an meiner Arbeitsweise nichts. Und Panik kann ich gar nicht gebrauchen."

Sehen Sie selbst ihre Position auch durch die Diskussion geschwächt?

Littbarski: "Nein. Wenn ich sehe, dass die Spieler auf dem Platz wollen, dann ist das gut. Alles andere ist Musik, die zum Fußballgeschäft dazu gehört, aber nicht in mein Ohr dringt."

Gibt es ein Ultimatum, am Sonntag in Stuttgart zu gewinnen?

Littbarski: "Nein. Das hat niemand gesagt. Natürlich weiß ich auch, dass wir im Abstiegskampf allein Punkte brauchen. Aber darüber nachzudenken, was wäre wenn - das bringt nichts."

 Sollten Sie am Saisonende oder doch noch vorher abgelöst werden: Wie geht es dann mit Ihnen weiter? Welche Absprache gibt es?

Littbarski: "Es gibt noch keine konkrete Planung. Dafür ist noch Zeit. Jetzt geht es für den Club auch allein um den Klassenverbleib. Ich habe bis 2012 unterschrieben und gehe davon aus, dass ich bis 2012 hier bin. Was ich bis dahin machen werde, sind bis jetzt nur Vermutungen, die andere Leute von außen für mich aufstellen."

Man hat das Gefühl, der VfL ist seit dem Titel 2009 permanent im Umbruch. Sie sind schon der vierte Trainer seit Felix Magath, jedes Halbjahr kommen neue Spieler. Fehlt hier eine Philosophie?

Littbarski: "Nein, das kann man so nicht sagen. Dieter Hoeneß musste im Winter Spieler verpflichten, obwohl er kein Freund von Wintertransfers ist, weil der Trainer neue Spieler gefordert hat und wir ja auch viele Spieler abgeben mussten aus verschiedenen Gründen. Wir sind vor der Saison auch nicht davon ausgegangen, Dzeko und Misimovic zu verkaufen. Das hat sich dann entwickelt. Für Steve McClaren war es erst nach der Vorbereitung klar, dass es besser ist, sich von Misimovic zu trennen. Wir sind auch überrollt worden von einigen Problemen."

Trotzdem fällt doch auf, dass nach Magaths Abgang jedes halbe Jahr von einem strukturellen oder personellen Neuanfang die Rede ist.

Littbarski: "Es ist doch bekannt, dass Felix Magaths Training und Arbeit extrem belastend und fordernd ist. Irgendwann fordern Körper und Geist Tribut. Das ist auch woanders so gewesen. Bei allem Guten: Die Spieler sind dann extrem ausgelaugt. Nicht nur kurzfristig, sondern über einen längeren Zeitraum. Manchmal muss man einfach durch eine sehr lange Talsohle durch, um Dinge zu bereinigen."

Wann ist die Talsohle endgültig durchschritten?

Littbarski: "Wenn wir uns gerettet haben, wird die Talsohle durchschritten sein. Der Schreck, der durch so eine Situation da ist, wird die Spieler aufwecken."

Wie sehr sind Sie vom Klassenverbleib überzeugt?

Littbarski: "Wir haben noch acht Spiele, davon vier Heimspiele gegen Mitkonkurrenten. Ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen."

Erleben Sie zurzeit die ungemütlichste Zeit Ihrer Karriere?

Littbarski: "Wissen Sie, was ungemütlich ist: Sie stehen in einem Hochhaus und das wackelt so richtig, weil es ein Erdbeben gibt. Nein, das hat doch nichts mit ungemütlich zu tun. Ich habe doch den zweitbesten Job auf der Welt. Der beste ist Spieler. Das ist manchmal ärgerlich, aber nicht ungemütlich."

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