Von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde

Da helfen auch keine Stoßgebete: Josué und Co. erlebten gegen den FSV Mainz 05 (vorne Andre Schürrle) ein Fiasko – der VfL verlor nach 3:0-Führung noch mit 3:4.

Wolfsburg - Von Ingo Barrenscheen. Genie und Wahnsinn liegen oft dicht beieinander. Züge von Schizophrenie offenbart auch der VfL Wolfsburg in den Anfängen der neuen Bundesliga-Saison. 3:0 geführt und doch 3:4 verloren: Im Laufe des irrwitzigen Diego-Debüts gegen den FSV Mainz 05 wurde aus Party-Alarm Katerstimmung.

Steve McClaren brachte es mit seinem Ausflug in die englische Literatur auf den Punkt: "Das war wieder eine Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Performance von uns." Diagnose Persönlichkeitswandel. Schon in München hatte Wolfsburg zwei Gesichter gezeigt, gegen Mainz umso mehr. Unfreiwillig hielt der VfL damit Einzug in die Geschichtsbücher. Erstmals seit 19 Jahren wieder verprasste ein Heimteam einen 3:0-Vorsprung und stand am Ende mit leeren Händen da: Die Wölfe sind nun Bruder im Geiste mit Fortuna Düsseldorf, die 1991 das gleiche Kunststück gegen den VfL Bochum fertig brachte. Kein Wunder, dass McClaren fassungslos ins Mikrofon stammelte: "Was heute passiert ist, das ist nur schwer zu erklären. So etwas habe ich weder als Spieler noch als Trainer erlebt. Ich habe niemals zuvor so einen dramatischen Qualitätsverlust gesehen." Und schon nach zwei Spieltagen stellte der neue VfL-Coach die Charakterfrage: "Wenn man nach einer 3:0-Führung noch verliert, dann sind mentale und charakterliche Probleme offensichtlich." Entsetzen auch bei Manager Dieter Hoeneß: "Ich bin seit 35 Jahren in der Bundesliga, aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Das muss ich erst einmal verdauen." Auch die 26116 Zuschauer rieben verwundert bis schockiert ihre Augen beim Werdegang der verrückten Partie in zwei extremen Akten. Nach 30 Minuten lagen sich nicht nur Diego und Co. frenetisch jubelnd in den Armen, sondern auch seine Partygäste. Nach dem Doppelpack von Edin Dzeko (23., 27.) – der damit übrigens zu Wolfsburgs erfolgreichstem Bundesliga-Torjäger avancierte – hatte der neue Superstar ein Mainzer Gastgeschenk dankend angenommen und zum 3:0 verwertet. Was für ein Einstand für den omnipräsenten Spielmacher! Bis dahin jedenfalls. Niemand wettete auch nur noch einen Pfifferling auf die 05er. Mit Ausnahme von Taktikfuchs Thomas Tuchel. "Ich habe gespürt, dass Wolfsburg das sichere Gefühl des Siegers hatte und wusste, dass wir mit einem Tor das Spiel noch kippen könnten." Kaum zu glauben, aber wahr: So kam es auch. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug es vor der Pause zum 3:1 ein. Ein Tor mit Signalwirkung. Aus den Mainzel- wurden Stehaufmännchen. Wolfsburg indes mutierte zu seinem bösen Ich. Alle Tugenden mit einem Schlag weggewischt, dafür wieder die altbekannte Anfälligkeit in der Abwehr mit einem enttäuschenden 12-Millionen-Einkauf Simon Kjaer, der sich beim Mainzer Siegtreffer durch Adam Szalai wie ein Schuljunge düpieren ließ. McClaren hatte nach dem Ausgleich mit der Einwechslung von Grafite und Fabian Johnson sowie Umstellungen noch versucht, den Wahnsinn zu stoppen – vergebens. Ein unbegreifbarer Umschwung. Aber was ist schon normal in Duellen zwischen Wolfsburg und Mainz. Angefangen beim legendären 5:4 im Aufstiegs-Finale 1997 über das 3:3 in der Vorsaison (auch nach 2:0-Führung) bis zum Alptraum 2010. Der Fehlstart für den VfL ist traurige Wahrheit.

Das Spiel im Stenogramm:

VfL: Benaglio (Note 4) – Riether (4), Barzagli (4), Kjær (5), Schäfer (5) – Cicero (5/86. Dejagah), Josué (4) – Ziani (5/62. Grafite), Diego (3), Mandzukic (3/62. Johnson) - Dzeko (2)

Mainz: Wetklo – Zabavnik, Svensson, Noveski, Fuchs – Karhan, Polanski, Soto – Holtby (75. Bungert) – Allagui (46. Schürrle), Rasmussen (62. Szalai)

Tore: 1:0 Dzeko (21.), 2:0 Dzeko (27.), 3:0 Diego (30.), 3:1 Rasmussen (39.), 3:2 Soto (48.), 3:3 Schürrle (58.), 3:4 Szalai (86.) Gelbe Karten: Mandzukic, Diego, Dzeko / Polanski, Soto

Zuschauer: 26.116

Schiedsrichter: Peter Sippel (München)

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