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WM in Katar: Wer die One-Love-Binde trägt, bekommt natürlich keine Karte

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Streitfall DFB-Binde bei der Fußball Weltmeisterschaft in Katar. Männerarm hebt rote Karte.
Das Tragen der Kapitänsbinde „One Love“ während der Spiele ist bei der WM in Katar verboten. © IMAGO/Rolf Poss

Der langjährige Schiedsrichter und ehemalige AZ-Redakteur Marco Haase vom SV Holdenstedt wird während der Fußball-WM anlassbezogen und abseits seiner offiziellen Funktionen interessante Entscheidungen, strittige Pfiffe und regelkundliche Besonderheiten aufgreifen.


VON MARCO HAASE

Doha/Uelzen – Heute geht es um zwei nach wie vor viel diskutierte Fragen: Ist eine gelbe Karte für einen Spieler, der die One-Love-Binde trägt, regeltechnisch überhaupt möglich? Und sind überhaupt negative Konsequenzen seitens des Weltfußball-Verbandes FIFA denkbar – und wenn ja, aufgrund welcher konkreten Norm im Regelwerk?

Das Verhalten der FIFA ist in meinen Augen ein Skandal, aber auch der DFB zeigt, dass seine Kritik eher Symbolpolitik ist. Ich bin von beiden Verbänden enttäuscht und gleichzeitig nicht wirklich überrascht.

Stephan Blödorn, Co-Trainer und Spieler bei Landesligist Teutonia Uelzen

Manuel Neuer wollte unbedingt die One-Love-Binde tragen. Jetzt wird sie der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft doch nicht tragen, obwohl er sie eigentlich wohl immer noch tragen möchte. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) befürchtet Konsequenzen der FIFA für seine Elf und will sie nunmehr (lieber) ohne Binde, nein, ohne diese Binde, gegen Japan auflaufen lassen. Seit der kolportierten Drohung der FIFA überschlagen sich in verschiedenen Medien Berichterstattungen, in denen sich fachliche, sachliche, regeltechnische, moralische und spekulative Argumentationen mit schlichtweg falschen Fakten und Schlussfolgerungen überlagern.

Darf der Schiedsrichter einem Akteur, der eine One-Love-Binde trägt, einfach so und sofort den gelben Karton zeigen?

Kurze Antwort: Ein ganz klares Nein. Die längere Antwort: Die gelbe Karte wäre ein Regelverstoß. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe ist daher auch keine klare Anweisung der FIFA bekannt, die eine gelbe Karte vorschreibt. Die „drohende gelbe Karte“ wurde in vielen Medien behauptet. Möglicherweise hat bei der FIFA dann doch noch jemand in die Regeln geschaut – oder einen Schiedsrichter gefragt. Oder medial hat sich irgendeine These verselbstständigt.

AUS FÜR „ONE LOVE“: REAKTIONEN AUS DEM UELZENER FUSSBALL

» Felix Quittenbaum (Trainer MTV Himbergen, 2 Kreisklasse): „ Keiner von uns weiß, womit die FIFA gedroht hat. Eine Geldstrafe hätte der DFB sicherlich auf sich genommen. Wir erwarten von unserer Mannschaft, dass sie jetzt Flagge zeigt. Schuld sind aber nicht die Spieler, die ihren Kindheitstraum erfüllen möchten, sondern von korrupten Funktionären, die die WM vergeben haben. Sind wir eigentlich auch so konsequent? Spätestens wenn Katar Gas nach Deutschland liefert, werden viele, die jetzt aufschreien, ihre Heizung ohne Hemmungen aufdrehen.

» Leon Brockschnieder (Spieler des SV Holdenstedt, Bezirksliga): Die WM symbolisiert eigentlich etwas Sportliches, was die Menschen verbindet und vereint. Dass „Die Mannschaft“ die Binde jetzt nicht trägt wegen eines möglichen Punktverlustes, kann ich verstehen. Man kann auf anderen Wegen ebenfalls Solidarität und Zusammenhalt zeigen und muss dieses auch tun. Denn als Spieler tritt man an, um das Ding zu gewinnen. Man könnte die ersten beiden Spiele schauen, wie es läuft, und im dritten die Binde tragen, wenn ein Punkteverlust verkraftbar wäre. Oder in den K.o.-Runden mit wechselnden Kapitänen arbeiten. Durch den Tod zahlreicher Arbeiter hätte man die WM von Beginn an mit anderen Nationen boykottieren sollen.

» Justin Reeger (Spielertrainer des Böddenstedt, 1 Kreisklasse): Wenn wir ehrlich sind, ist die Debatte über die One-Love-Armbinde doch nur ein Sinnbild für die Gesamtentscheidung und die Entwicklung des bezahlten Fußballs der letzten Jahrzehnte. Das eigentliche Trauerspiel ist doch, dass wir uns selbst im Jahr 2022 immer noch auf Themen wie Diskriminierung und Toleranz durch solch kleine, wenn auch medial wirksamen Mitteln aufmerksam machen müssen. Ausschüsse von nationalen und internationalen Fußballverbänden verhandeln über das „Tragen einer Botschaft“ bei einer Veranstaltung die seitens der breiten Stimme der Bevölkerung schon lange hätte boykottiert werden sollen. Letztlich fügt sich der DFB, wie zu erwarten war, lediglich der Gesamtsituation und dies ist an dieser Stelle auch nachvollziehbar – oder haben wir wirklich erwartet, dass eine solche Botschaft in einem Land wie Katar verbreitet werden kann? kl, am, dlp

Regeltechnisch einschlägig ist die Regel 4 (Ausrüstung der Spieler) in der viele sinnvolle Dinge stehen. So zum Beispiel, dass die Spieler keine gefährlichen Gegenstände tragen dürfen (Ringe, Halsketten etc.). Dass sie Schuhe und Schienbeinschoner tragen müssen. Aber auch, dass politische, religiöse und persönliche Slogans tabu sind. Auch das ist sinnvoll, denn niemand möchte rechtsextremistische, islamistische, linksextremistische oder sonstige Parolen auf den Sportplätzen und in den Stadien sehen.

Ich kann nicht behaupten, dass mich das überrascht hat. Das gesamte Turnier ist nur noch peinlich. Mein Respekt gilt der iranischen Mannschaft, die genug Mut besitzt, Zeichen zu setzen. Und das, obwohl die Konsequenzen ganz andere sind.

Eike Kirch, Spieler und Sprecher der 1. Herren des TSV Wrestedt/Stederdorf

Nun kann man sich lange darüber unterhalten, ob die One-Love-Binde einen solchen Slogan darstellt oder nicht – die bereits zitierte Regel 4 ist da sehr offen und auslegungswürdig, im Zweifel könnte man darüber noch mindestens drei- bis achtmal promovieren.

Aber darum geht es an dieser Stelle nicht: Sollte es zur Regelauslegung kommen, dass die One-Love-Binde eine nicht zulässige Parole darstellt, greift Regel 4: Der Spieler, der eine solche Binde trägt, hat Mängel an seiner Ausrüstung. Vor dem Anpfiff der Partie noch auf dem Platz ist es dann einfach: Wenn der Schiedsrichter oder ein Assistent dies feststellt, gibt’s die Anweisung: Binde ab vor dem Anpfiff, sonst kannste nicht mitmachen! Weil an der Ausrüstung etwas nicht stimmt. Es ist genauso, wenn Schienbeinschoner fehlten, gefährliche Gegenstände an den Händen wären oder Ähnliches.

Der clevere Akteur versteckt die Binde

Der clevere Akteur, der seine Botschaft bei einer WM mit 1000 Kameras platzieren will, macht das natürlich nicht vor dem Anpfiff, sondern versteckt seine Binde, bis das Spiel läuft. Wenn der Referee in der laufenden Partie feststellt, dass eine solche Armbinde getragen wird, bleibt er gelassen: Er unterbricht nicht, sondern wartet bis zur nächsten Spielruhe und schickt den Spieler runter, damit dieser – regeltechnisch – seine Ausrüstung in Ordnung zu bringen hat. Rauf darf der Akteur dann wieder nach Kontrolle durch den Assistenten oder vierten Offiziellen und einem zustimmenden Zeichen des Unparteiischen. Eine gelbe Karte gäbe es lediglich, wenn der Spieler einfach so, ohne Kontrolle und Zeichen, wieder auf den Rasen liefe. Dieser Karton wäre dann aber nicht wegen der Binde fällig, sondern wegen des unsportlichen Rauflaufens.

Ich finde es ziemlich schwach von der FIFA, so ein Zeichen zu verbieten und einzelne dann dafür zu bestrafen. Ich denke, der DFB ist da auch nur ein relativ kleines Licht, das sich fügen muss.

Max Möller, Kapitän des Bezirksligisten TuS Bodenteich

Theoretisch wäre noch ein gelber Karton (synonym übrigens „Verwarnung“ genannt – im Gegensatz zur Ermahnung, also der deutlichen Ansprache) auch möglich, wenn sich der Spieler trotz der Aufforderung des Unparteiischen weigerte, den Platz zu verlassen, um seine Ausrüstung zu korrigieren (aber das würden nur die sehr schlicht Gestrickten tun – diese hätten die Verwarnung dann aber auch verdient; aber solche schlicht Gestrickten gibt es im Fußballsport natürlich nicht oder kaum).

Manuel Neuer trägt die Binde, ob vor oder während des Spiels – drohen weitere Konsequenzen, außer, dass er die Ausrüstung korrigieren muss?

Kurze Antwort: Ja (auch wenn nicht durch die Schiedsrichter). Die längere Antwort: Das Regelwerk lässt direkt oder indirekt an mehreren Stellen solche Konsequenzen zu, allerdings nicht durch die Unparteiischen.

So heißt es in der Regel 4 unter anderem: „Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung (keine Slogans zu tragen, Anmerkung der Redaktion) wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.“

Ich kann die Entscheidung eines Spielers verstehen, sich an die sportlichen Regelungen zu halten. Denn jeder Spieler, der sich entschieden hat, zu diesem umstrittenen Turnier zu fahren, verfolgt ein sportliches Ziel. Vom DFB hätte ich mir jedoch mehr Gegenwind gewünscht.

Henrik Tutas, Kapitän des Bezirksligisten MTV Römstedt

Tja, und das kann alles bedeuten. Fast alles: Zumindest keine gelbe Karte. Und möglicherweise hat das die Nationalverbände bewogen, bestimmte Dinge nicht zu machen. Dazu hat der Autor natürlich auch seine Meinung. Auch zur Frage, welch Zeichen es wäre, wenn große Verbände ein Signal setzten. Aber an dieser Stelle sollte es schlichtweg um das Regelwerk und die Entscheidungsbefugnis der Schiedsrichter gehen – und die klare Antwort auf die Frage, ob eine gelbe Karte regelkonform wäre. Nein, wäre sie nicht.

Ein Blick ins Regelwerk erleichtert die Rechtsfindung

An dieser Stelle gibt’s die wichtigste Regel zur Frage „Gelb für die Onelove-Binde?“ Für die Fußball-Liebhaber, die den Originaltext lesen wollen – hier sind die einschlägigen Passagen aus dem Fußballregel-Werk:

Aus dieser Regel 4 – Ausrüstung der Spieler

[…] 5. Slogans, Botschaften, Bilder und Werbung

Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Spieler dürfen keine Unterwäsche mit politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die FIFA sanktioniert.

Grundsätze

Regel 4 gilt für die gesamte Ausrüstung (einschließlich Kleidung), die von Spielern, Auswechselspielern und ausgewechselten Spielern getragen wird. Ihre Bestimmungen gelten auch für alle Teamoffiziellen in der technischen Zone.

- Folgendes ist (grundsätzlich) zulässig:

• Nummer und Name des Spielers, Teamwappen/-logo, Slogans/Embleme von Initiativen zur Förderung von Fußball, Respekt und Integrität sowie Werbung, die gemäß Wettbewerbsbestimmungen oder Regelungen der nationalen Fußballverbände, der Konföderationen oder der FIFA zulässig ist.

• Angaben zum Spiel: Teams, Datum, Wettbewerb/Veranstaltung, Spielort.

- Zulässige Slogans, Botschaften oder Bilder sollten nur auf der Vorderseite des Trikots und/oder auf der Spielführerbinde angebracht werden.

- In einigen Fällen dürfen Slogans, Botschaften oder Bilder nur auf der Spielführerbinde angebracht werden.

Regelauslegung

Ob ein Slogan, eine Botschaft oder ein Bild zulässig ist, steht in Regel 12 (Fouls und sonstiges Fehlverhalten), wonach der Schiedsrichter Disziplinarmaßnahmen gegen einen Spieler ergreifen muss, der eines der folgenden Vergehen begeht:

- anstößige, beleidigende oder schmähende Äußerungen und/oder Handlungen;

- provozierende, höhnische oder aufhetzende Handlungen.

Slogans, Botschaften oder Bilder, die in eine dieser Kategorien fallen, sind unzulässig. Während „religiös“ und „persönlich“ relativ eindeutig zu definieren sind, ist „politisch“ weniger klar. In jedem Fall unzulässig sind Slogans, Botschaften oder Bilder mit Bezug auf:

- jegliche lebende oder verstorbene Person (außer ihr Name ist Teil des offiziellen Wettbewerbsnamens),

- jegliche lokale, regionale, nationale oder internationale politische Partei/ Organisation/Vereinigung etc.,

- jegliche lokale, regionale oder nationale Regierung oder deren Abteilungen, Ämter oder Stellen,

- jegliche diskriminierende Organisation,

- jegliche Organisation, deren Zwecke/Handlungen eine erhebliche Zahl von Menschen beleidigen könnten,

- jegliche spezifische politische Handlung/Veranstaltung.

Beim Gedenken an ein bestimmtes nationales oder internationales Ereignis sind die Empfindlichkeiten des gegnerischen Teams (einschließlich dessen Fans) und der Öffentlichkeit zu bedenken. Die Wettbewerbsbestimmungen können weitere Be- oder Einschränkungen enthalten, insbesondere bezüglich der Größe, Anzahl und Position zulässiger Slogans, Botschaften oder Bilder. Streitigkeiten in Bezug auf Slogans, Botschaften oder Bilder sollten vor einem Spiel/Wettbewerb beigelegt werden.

6. Vergehen/Sanktionen

Bei einem Verstoß gegen diese Regel muss das Spiel nicht unterbrochen werden, und der Spieler:

- wird vom Schiedsrichter aufgefordert, das Spielfeld zu verlassen, um die Ausrüstung in Ordnung zu bringen,

- verlässt bei der nächsten Spielunterbrechung das Spielfeld, sofern er die Ausrüstung noch nicht in Ordnung gebracht hat.

Ein Spieler, der das Spielfeld verlässt, um die Ausrüstung in Ordnung zu bringen oder auszutauschen:

- muss von einem Spieloffiziellen kontrolliert werden, bevor er das Spielfeld wieder betreten darf,

- darf das Spielfeld nur mit der Erlaubnis des Schiedsrichters wieder betreten (eine solche Erlaubnis darf bei laufendem Spiel erteilt werden).

Ein Spieler, der das Spielfeld ohne Erlaubnis wieder betritt, wird verwarnt. Wenn das Spiel für eine Verwarnung unterbrochen wird, wird das Spiel mit einem indirekten Freistoß an der Stelle fortgesetzt, an der sich der Ball zum Zeitpunkt der Unterbrechung befand. Hat der Spieler jedoch ins Spielgeschehen eingegriffen, wird das Spiel mit einem direkten Freistoß (oder Strafstoß) an der Stelle des Eingriffs fortgesetzt. […]

[Quelle: Deutscher Fußball-Bund: Fußball-Regeln 2022/2023. S. 29 bis 31.]

» Marco Haase (51, SV Holdenstedt) ist seit 35 Jahren Fußball-Schiedsrichter und seit mehr als 20 Jahren als Schiedsrichter-Beobachter und -Coach bis in den DFB-Bereich aktiv, zudem im niedersächsischen Verbandsschiedsrichter-Lehrstab als Referent und Lehrgangsleiter an der NFV-Akademie in Barsinghausen. kl

Zwei Männer schauen in die Kamera.
AZ-WM-Experte Marco Haase (rechts, hier mit deutschen WM-Schiedsrichter von 1998, Bernd Heynemann). © Privat

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