Wenn Fouls plötzlich hörbar werden

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Gähnende Leere auf den Rängen: So wie beim ersten Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte am 11. März zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln wird es auch in den nächsten Wochen in Deutschlands Stadien zugehen. Die fehlende Kulisse stelle eine ungewohnte Herausforderung auch für die Schiedsrichter dar, sagt der Lehrwart des Heide-Wendland-Fußballkreises, Brian Backhaus.

Geisterspiele, wie ab dem kommenden Wochenende in der Fußball-Bundesliga, gibt es auch im Heide-Wendland-Kreis. Etwa wenn bei der SG Elbtal in der 4. Kreisklasse in Echem „eh nicht mehr als zehn Leute da sind“, scherzt Brian Backhaus.

Der Schiedsrichter-Lehrwart betont, dass Spiele ohne Zuschauer auch für die Unparteiischen emotional eine erhebliche Veränderung darstellen.

„Emotional sind Spiele ohne Zuschauer eine erhebliche Veränderung“, weiß Schiedsrichter-Lehrwart Brian Backhaus.

Uelzen/Landkreis – Der 25-Jährige schult seine Schiedsrichterkollegen als Lehrwart des Fußballkreises Heide-Wendland regelmäßig auf Lehrabenden. Er selbst pfeift für den TuS Neetze Spiele bis hoch zur Bezirksliga. Und er kennt als Assistent in der Oberliga auch die Fan-Hotspots in Niedersachsen. Zum Beispiel das Stadion des SV Atlas Delmenhorst, das sich bei Heimspielen oft in ein Tollhaus verwandelt. Aber wenn die Stimmung von den Rängen fehlt, wenn selbst auf einem Dorfsportplatz keinerlei Rückmeldung von der Barriere kommt? Backhaus: „Emotional sind Spiele ohne Zuschauer, wenn es also ganz ruhig ist auf dem Platz, eine erhebliche Veränderung. Auch wenn man als Schiedsrichter eigentlich keine Lust hat, die ganze Zeit angemeckert zu werden.“

Sollte es auch bei den Amateuren wegen der Corona-Pandemie zu Spielen ohne Zuschauer kommen müssen, „werden wir auf alles vorbereitet sein“, erklärt Volker Leddien (MTV Gerdau), der Vorsitzende des HWK-Schiedsrichterausschusses. Noch seien vom NFV allerdings keinerlei Informationen dazu geflossen oder nötig geworden. „Mit Zuschauern“, so weiß der ehemalige Oberliga-Referee, „macht es aber mehr Spaß.“

Regeltechnisch machen Geisterspiele natürlich keinen Unterschied, betont Backhaus. Emotional aber sehr wohl. Schiedsrichter seien es gewohnt, ständig Rückmeldung von den Rängen zu bekommen und dafür vielleicht nicht alles zu hören, was Spieler, Trainer und Offizielle auf und am Rasen von sich geben. Bei Geisterspielen läuft es anders. Foulspiele werden durch den Körperkontakt hörbarer. Durch die veränderten Reize muss der Unparteiische ein neues Gespür entwickeln, was er wahrnimmt und was lieber nicht.

„Nicht einlullen lassen“

„Nicht einlullen lassen, die Konzentration immer hochhalten. Auch in Leerlaufphasen, in denen vielleicht zehn Minuten auf dem Platz gar nichts kommt. Nicht locker lassen, sonst passieren Fehler“, rät Marco Haase (SV Holdenstedt). Er ist DFB-Schiedsrichter-Beobachter und Schiedsrichter-Coach in der Regionalliga.

Die ungewohnten Bedingungen dürfen den Spielleiter nicht ablenken, betont Haase. So sieht er in Geisterspielen „möglicherweise die größere Herausforderung für die Schiedsrichter und Assistenten“. Denn in vollen Stadien pusht die Geräuschkulisse, reißt mit, lässt das Adrenalin in die Adern schießen. Haase rät seinen Kollegen zur mentalen Vorbereitung: „Gedanklich schon Tage vor dem Spiel auf alle möglichen Situationen vorbereiten und sämtliche schwierigen Szenarien durchdenken.“

VON BERND KLINGEBIEL

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