Warum’s mal wieder länger dauert...

+
Im virtuellen Raum: NFV-Präsident Günter Distelrath stieß beim Webinar auf großes Interesse bei den Klubs. „Der Chataustausch hat noch einmal sehr deutlich gemacht, wo die Präferenz der Vereine liegt, nämlich beim Abbruch der Saison“, erklärte er.

Uelzen/Landkreis – von Bernd Klingebiel. „Historisches Ausmaß“ bescheinigt Pressesprecher Manfred Finger der Veranstaltung. Erstmals steht der Niedersächsische Fußballverband (NFV) am Sonnabend mit seinen 2600 Mitgliedsvereinen zeitgleich in direktem Kontakt.

Im Webinar geht es um die Details der vier Varianten, wie mit der seit Mitte März unterbrochenen Saison von der Oberliga abwärts verfahren werden soll. Und darum, das eigene ramponierte Image aufzupolieren.

Dem SV Holdenstedt muss es in den Ohren geklingelt haben. Der Tabellenvierte der Heide-Wendland-Liga dient NFV-Justiziar Jan Baßler als Beispiel, wie ein Saisonabbruch mit Quotientenregelung funktioniert. Die Lila-Weißen würden den Durchmarsch in die Bezirksliga verpassen. Obwohl sie denselben Punktequotienten haben wie der TuS Wustrow. Doch ihr direkter Konkurrent hat einen höheren Torequotienten, also mehr Treffer pro Spiel erzielt.

Zu erfahren ist dies am Sonnabend beim NFV-Webinar – ein über das Internet abgehaltenes Seminar. In der ersten Halbzeit sind die Klubs aus den Bezirken Hannover und Braunschweig eingewählt, in der zweiten die aus Lüneburg und Weser-Ems. Der NFV informiert ein letztes Mal über die vier von ihm gebündelten Szenarien für den Umgang mit der Saison 2019/20: Annullierung, Abbruch und Wertung nach Quotientenregelung mit Auf- und einmal ohne Abstieg. Sowie die Fortsetzung der Spielzeit ab dem Spätsommer.

Dass letztere Variante weiterhin auf der Liste steht, hat viele Fußballer auf die Palme gebracht. Immerhin haben rund 70 Prozent der Klubs die vom Verbandsvorstand zuvor einstimmig bevorzugte Saisonfortsetzung bereits abgelehnt. Die Kicker werfen dem NFV nunmehr vor, die Basis zu ignorieren. Der Bovender SV hat sogar eine Online-Petition gestartet: „Vorentscheidung über Saisonabbruch in Niedersachsen – jetzt!“ Rund 1500 Personen haben bis gestern unterzeichnet.

NFV-Präsident Günter Distelrath wehrt sich beim Webinar. Die „Unterstellung“, der Verband versuche um jeden Preis, die Variante einer Saisonfortsetzung im Rennen zu halten, „ist schlichtweg nicht richtig. 70 Prozent der Vereine wollen keine Fortsetzung“, sagt er. Damit stehe fest, dass dies „keine bevorzugte Variante der Vereine ist und sie von unserer Seite auch innerhalb des Webinars nicht besonders vertieft wird“. Der 70-Jährige erklärt, dass aber bei rund 500 Klubs, die die Saison fortsetzen möchten, „die Wahrscheinlichkeit nicht klein ist, dass ein entsprechender Antrag für den Verbandstag gestellt wird“. Distelrath: „Allein aus dieser Position heraus war es schon geboten, die Variante zumindest mit aufzuführen.“

Auch den Vorwurf, der NFV spiele auf Zeit, um bei den sich rasant entwickelnden Corona-Lockerungen weitere Argumente für einen Re-Start zu sammeln, lässt Distelrath nicht stehen. Es sei „richtig gewesen die Auswirkungen der behördlichen Anordnungen auf unsere Varianten noch abzuwarten bzw. mitzunehmen.“ Die Entscheidung werde nicht verschleppt, denn für einen Abbruch sei ein Verbandstag „zwingend erforderlich“, verweist er auf ein juristisches Gutachten.

„Die Gefahr von persönlicher Haftung“

Der NFV-Präsident: „Niemand kann von teilweise selbst in der Haftung und Verantwortung stehenden ehrenamtlich tätigen Privatpersonen im Präsidium erwarten, dass sie dieses Gutachten ignorieren bzw. sogar gegen dieses Gutachten handeln und sich und ihre Familie damit in die Gefahr von persönlicher Haftung bringen.“

Stattdessen habe der NFV entschieden, die für einen Verbandstag geforderte Ladefrist von zehn auf fünf Wochen zu halbieren. Die „technisch und rechtlich sichere“ Vorbereitung des erstmals wahrscheinlich im virtuellen Raum mit rund 300 Delegierten stattfindenden Verbandstages „braucht seine Zeit“, rechtfertigt Distelrath.

Im Eiltempo ist dann NFV-Justiziar Steffen Heyerhorst unterwegs. Er beschreibt die vier Varianten, die die Vereine bereits nach der Verbandsvorstandssitzung am letzten Montag erhalten haben. Sie sind auch auf der Verbands-Homepage veröffentlicht.

In dem Webinar wird nochmals deutlich, dass die Varianten 1 und 2 bei den Klubs hoch im Kurs stehen. Wohl auch beim Verband: Die Annullierung der Saison (Variante 3) bezeichnet Distelrath aufgrund der weitreichenden Folgen als „nicht ratsam“.

NFV-Direktor Jan Baßler beantwortet ein gutes Dutzend ausgewählter Fragen aus dem Live-Chat. Insgesamt 400 haben die Vereinsvertreter gestellt. Die jeweiligen Antworten der Experten werden laut Baßler zeitnah auf der Homepage veröffentlicht.

So geht es weiter

Übermorgen tagt der Verbandsvorstand zum vierten Mal in virtueller Runde. Er werde seine „genaue Haltung positionieren“, sagt Baßler. Bei den vier Varianten handele es sich keineswegs bereits um Anträge, sondern um die Bündelung von mehr als 100 Vorschlägen. Distelrath: „Ohne der Entscheidung des Verbandsvorstandes vorzugreifen, lässt sich aber jetzt bereits sagen, dass von diesen Varianten nicht alle vier auf dem Verbandstag eingereicht werden. Das heißt, wir werden hier konkret festlegen, wie der Umgang mit der Saison 2019/20 sein wird.“ Zwei Tage später will der NFV den außerordentlichen Verbandstag einberufen. Wohl für den 27. Juni. Drei Tage vor dem regulären Saisonende...

KOMMENTAR

Von Bernd Klingebiel

Ach so! Viele Vereinsvertreter haben im Webinar endlich Antworten erhalten. Zumindest jedoch Erklärungen, warum es in Niedersachsen mit der Suche nach einer Lösung für die unterbrochene Saison so zäh läuft, wie es läuft. Genau diese Transparenz hatte der NFV bisher versäumt. Er veröffentlichte Mitteilungen, die in den Vereinen mehr Fragen aufwarfen, als dass sie Orientierung gaben. Der Vorstand verständigte sich einstimmig auf eine Saisonfortsetzung und fragte erst anschließend bei den Klubs nach. Präsident Günter Distelrath stellt den NFV trotzdem in die Opferrolle. Er spricht von „Vorwürfen“ und „Unterstellungen“. Nein! Die „Opfer“ sind die von einem unentschlossenen Verband wochenlang im Unklaren gelassenen Fußballer, die Vereine. Sie hätten die kostbare Zeit dringend für ihre Planungen benötigt. Das Webinar vom Sonnabend hätte ganz an den Anfang der Diskussionen gehört!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare