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Herper-Virus: Droht nun etwa noch ein Pferde-Lockdown?

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Von: Ingo Barrenscheen, Arek Marud

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Ein Reiter überspringt auf einem Pferd ein Hindernis.
Vor 14 Jahren in Vorhop (Landkreis Gifhorn) geboren und gezüchtet, nun verstorben: Die Spitzen-Stute Casta Lee FRH von Springreiter Tim-Uwe Hoffmann aus Hannover fiel der Herpes-Epidemie für Pferde zum Opfer. © Stefan Lafrentz via www.imago-im

Als wäre die Corona-Krise auch für den Pferdesport nicht schon folgenschwer genug, ist die Reiter-Szene nun on top noch von einem weiteren Virus hart getroffen worden. Von Spanien aus verbreitet sich eine Herpes-Variante.

Diese ist nach Angaben des Weltverbandes FEI besonders aggressiv und hat bereits mehrere Pferde getötet. Auch die Uelzener Reiter sind alarmiert. Sicherheitsvorkehrungen wurden im Kreis erhöht und Hygiene-Maßnahmen nochmals verschärft.

Die Zahl der toten Pferde nach Herpes-Infektionen bei einem Reitturnier in Valencia ist weiter gestiegen. Nach Angaben des Weltverbandes FEI sind inzwischen neun Fälle bekannt, darunter zwei in Deutschland. Der Weltverband berichtet zudem von einer „sehr großen Anzahl von schweren klinischen Fällen“.

Darunter ist auch die 14-jährige Stute Casta Lee FRH, die einstmals im Stall von Wilhelm Koch aus Vorhop (Landkreis Gifhorn) das Licht der Welt erblickte.

Trauer um Casta Lee

Mit vier Jahren übernahm damals der deutsche U25-Springreiter Tim-Uwe Hoffmann das Pferd aus der Vorhoper Zucht und avancierte mit Casta Lee zu einem der erfolgreichsten nationalen Paare dieser Altersklasse. Bis eben zu jenem verhängnisvollen, mehrwöchigen Turnier in Valencia im Februar.

Die neue Epidemie löst Bestürzung bei den Aktiven aus. Nicht nur Hoffmann reagierte auf seinem Instagram-Account fassungslos auf den Verlust seiner Stute: „Mach’s gut unsere beste Freundin. Keine Worte können beschreiben wie dankbar wir für zehn wundervolle Jahre sind, unsere Herzen sind gebrochen.“

Stopp bis zum 28. März

Der Weltverband FEI hatte zunächst mit der Absage aller internationalen Turniere in Deutschland und neun weiteren Ländern reagiert. Basierend darauf folgt die deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) der Empfehlung und cancelte bis 28. März alle Sport-/Zuchtveranstaltungen.

Uelzener Reiter gewarnt und betroffen

Betroffen ist auch der Landkreis Uelzen, wo vom 26. bis 28. März auf der Reitanlage Bescht in Schlieckau das von der RSG Uelzener Land organisierte Auftaktturnier in die grüne Saison ohne Fans stattfinden sollte. Reiten zählt zu Individualsportarten und darf trotz des Lockdowns ausgeübt werden. Doch die Herpes-Epidemie hat alles schlagartig verändert. Die Veranstaltung wurde abgesagt.

Uelzens Reiter sind gewarnt. „Sie haben jetzt nur die Möglichkeit, ihr eigenes Pferd aufzusuchen und sollen den Kontakt zu anderen Pferden vermeiden“, erklärt Volker Hinrichs, Vorsitzender des Kreisreiterverbandes und der RSG Uelzener Land auf AZ-Nachfrage. „Neben der Corona-Hygiene heißt es jetzt: Hygiene, wo es nur geht.“ Auch in Bankewitz, wo Hinrichs einen Einsteller-Stall besitzt, gilt äußerste Vorsicht. Alle Reiter wurden gebeten, in den Pferdepässen nachzuschauen, inwieweit ihre Pferde geschützt sind. „Wir versuchen, die Pferdebestände zu schützen“, sagt Hinrichs.

Ein Reiter steht neben seinem Pferd
Sorgenvolle Miene: Volker Hinrichs, Vorsitzender des Kreisreiterverbandes und der RSG Uelzener Land, hofft, dass die Herpes-Epidemie schnell vorüber ist. © Privat

Gesundheit der Pferde steht an erster Stelle

Valencia habe auch wirtschaftliche Auswirkungen auf die hiesige Reiterszene: „Die Uelzener Betriebe generieren aus Turnieren und Veranstaltungen ihr Einkommen.“ Die RSG Uelzener Land spürt das Turnieraus. „Wir mussten in Vorleistung gehen. Ein wirtschaftlicher Verlust“, meint Hinrichs, der voll hinter den strikten Maßnahmen steht. „So bitter es auch für die Betriebe ist.“

Kritik übt er an den Verantwortlichen aus Valencia und spricht von „eklatanten Fehlern. Von den 750 Pferden erkrankten 150. Es waren aber nur zwei Tierärzte vor Ort und es gab keine Konzepte. Man hätte alle Schotten dichtmachen müssen.“

Die hiesigen Verantwortlichen hoffen, dass der EHV-1-Virus schnell eingedämmt wird. „Wir hoffen, dass es bis Ende März ausgesessen ist. Ich glaube aber, dass uns das Thema länger beschäftigen wird“, ist Hinrichs skeptisch. Über allem stehe die Gesundheit der Pferde. „Es ist richtig, das Thema zum Wohle der Tiere ernst zu nehmen“, sagt er.

Mit Material von dpa

„Schlimmster Ausbruch seit vielen Jahrzehnten“:

Nach Ausbruch der Pferde-Herpes-Epidemie haben Teilnehmer der auslösenden Turnierserie in Valencia von dramatischen Szenen und der Trauer nach dem Verlust der vertrauten Vierbeiner berichtet. „Wir kämpfen hier Schulter an Schulter um unsere Pferde“, sagte Hilmar Meyer, der im niedersächsischen Thedinghausen einen Handels- uns Ausbildungsstall betreibt und mindestens zwei Pferde verloren hat, der Deutschen Presse-Agentur. Die Situation vor Ort sei „sehr, sehr schlimm“.

Fünf tote Pferde gab es laut FEI bis Ende der Woche in Valencia auf dem Turniergelände und in einer Klinik sowie zwei weitere in Barcelona.

Auch die Zahl der Länder mit nachgewiesenen Fällen der Virusvariante EHV-1 ist gewachsen. Neben Spanien und Deutschland sind in Europa Belgien, Frankreich, Schweden betroffen. In Katar gab es bei den Pferden des deutschen Reiters Sven Schlüsselburg positive Tests. Die Virusvariante wurde auch in den USA festgestellt. Die Tiere, die bis zum 12. Februar in Valencia starteten, zeigen nach Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) inzwischen keine EHV-1-Symptome mehr.

Laut FN, die auch die nationalen Turniere absagte, waren mehrere deutsche Pferde der Viruserkrankung zum Opfer gefallen. Valencia-Teilnehmer hätten demzufolge das Virus auch nach Deutschland gebracht. Herpesvirus-Infektionen sind nach Angaben des Verbandes hierzulande „nicht anzeige- oder meldepflichtig“. Die FN betont, dass die Viren „keine auf Menschen übertragbaren Krankheiten“ verursachen. Für die Tiere allerdings können sie verheerende Folgen haben.

Um die Ausbreitung zu stoppen, hat der Weltverband in zehn Ländern Turniere verboten. Diese Regelung gilt zunächst bis zum 28. März. In Doha hingegen starteten die besten Reiter der Welt trotz zwei positiv getesteter Pferde. Die erste Etappe der am höchsten dotierten Serie des Pferdesports lief bis Sonnabend unter erhöhten Sicherheits- und Hygienebedingungen.

Der „Ausbruch ist wahrscheinlich der schlimmste seit vielen Jahrzehnten in Europa“, bekräftigte FEI-Generalsekretärin Sabrina Ibáñez. dpa

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