Der Bad Bevenser Jens Kerner ist seit 20 Jahren der Stadionsprecher von Hertha BSC

Die Stimme der „Alten Dame“

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Seit 20 Jahren die Stimmen des Berliner Olympiastadions: Jens Kerner (links) und Fabian von Wachsmann.

Berlin/Bad Bevensen. Für Jens Kerner dauert die Winterpause in der Fußball-Bundesliga noch ein paar Tage länger.

Während seine Herthaner bereits am kommenden Sonnabend in Bremen in die Rückserie starten, wird der ehemalige Bad Bevenser erst am Mittwoch, 4. Februar, im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen im Einsatz sein. Als Stadionsprecher der Hertha!

Seine Stimme hat Gewicht beim Hauptstadtklub. Kerner hat bei der „Alten Dame“ unlängst sein 20-jähriges Jubiläum als Sprecher im weiten Rund gefeiert. Zum Gratulieren kamen die Bayern und nahmen am 13. Spieltag die Siegpunkte mit.

Die Stimme des studierten Radiomannes schallte erstmals am 6. November 1994 beim Spiel gegen FC St. Pauli (1:1) durchs Olympiastadion. „Das war damals eine ganz andere Welt“, plaudert Kerner aus dem Nähkästchen. Für die Stadionmusik stand ein Doppelkassettenrekorder bereit. Kerner und sein Sprecherkollege Fabian von Wachsmann dachten damals, damit seien sie bestens ausgestattet.

Kerner bastelte später aus einer Keyboard-Tastatur und einem PC seine erste Jingle-Maschine. Er kreierte auf Basis des legendären „Tooooor!-Tooooor!-Tooooor!-Tooooor!“-Schreies von Herbert Zimmermann beim WM-Triumph ‘54 den vielleicht ersten vertonten Jubel in einem deutschen Fußballstadion. Pionierarbeit!

Mittlerweile ist die Stadionregie längst ein Hightech-Unterfangen. Kerner und von Wachsmann aber sind immer noch die Stimmen des Olympiastadions. „Ich bin der unsichtbare Kollege und nicht mehr der Einheizer“, erklärt Kerner. Der ehemalige Kicker von Union Bevensen, der beim BSV von Kindesbeinen auf spielte, ist in der Kabine unter dem Stadiondach für die „seriösen Durchsagen“ zuständig: Aufstellungen, Torschützen, Hinweise.

Gibt’s Zweifel, welcher Spieler den Ball eingenetzt hat, hilft dem Stadionsprecher die Zeitlupe aus dem TV-Livebild. Schnelligkeit und Präzision sind wichtig, peinliche Versprecher bei den vielen ausländischen Namen in der Liga für den sprachgeschulten Kerner fast ausgeschlossen. „In dieser Saison haben die Stadionsprecher der Liga erstmals eine Namensliste in Lautschrift erstellt und untereinander ausgetauscht. Das ist richtig klasse“, erklärt er.

Kühlen Kopf zu bewahren, ist für den Nachrichtenmann das A und O. Aber es gibt auch heikle Situationen, in dem der Stadionsprecher besondere Verantwortung trägt. Kerners Intuition war beispielsweise gefordert, als Herthas Fans nach einem Abstieg den Innenraum stürmten und den Spielern an den Kragen wollten. „Die Macht des Sprechers ist eingeschränkt“, weiß Kerner – „wer Krawall will, der macht ihn auch.“

Kerner ist auch Sicherheits- und Pokalfinalsprecher des DFB sowie die Stimme im Berliner Fußballtempel bei Großereignissen wie der Papstmesse 2011. Bei der WM 2006 in Deutschland war er ebenso am (Stadion-)Mikro wie bei der WM 1998 in Frankreich, bei der er als Mitglied im deutschen Pressetross für RTL auf Sendung ging. Heute leitet der 48-Jährige die Unternehmenskommunikation beim Radiosender SAW in Magdeburg.

Oben in seiner Sprecherkabine leidet Kerner bei den Spielen mit seiner Hertha mit. Dabei war er früher absoluter Gladbach-Anhänger. „Das hat sich dann aber schnell erledigt. Als Stadionsprecher in Berlin wird man automatisch zum Hertha-Fan.“ Zumal Kerner in 20 Jahren nur sechs Heimspiele verpasst hat. Und so wird er auch am nächsten Mittwoch die „Alte Dame“ zwar seriös ansagen, aber leidenschaftlich mit ihr fiebern.

Von Bernd Klingebiel

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