„Das ist nicht mehr unsere Welt“

Der Schalke-Fanclub-Uelzen leidet aktuell nicht nur wegen der sportlichen Situation des Bundesliga-Letzten viel. Vorsitzender Gert Gromball (links, mit Thomas Knutti, Thorsten Sievers und Dieter Graba im Borussia-Park in Mönchengladbach): „Da ist keine Schalker DNA mehr.“ Foto: PRIVAT

In dem bis zum 31. Januar verlängerten harten Corona-Lockdown hat es der Sport weiterhin sehr schwer.

Zwar dürfen die Profi-Ligen unter strengen Hygienekonzepten weitermachen, doch die Klubs fürchten neben dem finanziellen Schaden der Geisterspiele auch den Verlust der Fanbindung. Die AZ hat sich bei hiesigen Fanklubs von Fußball-Bundesligisten umgehört.

Uelzen/Landkreis – Profis in Anti-Corona-Blasen. Es fließt immer mehr Geld. Die Schere zwischen den reichen und armen Klubs wird größer. Das gierige Fußball-Business will immer mehr – und lässt kritische Fanstimmen eher verblassen, als darauf zu reagieren. „Die Fans werden ihre Leidenschaft zurückfahren und sich abwenden – und das millionenfach“, prophezeit der Fanforscher Harald Lange, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und Gründer des Instituts für Fankultur. Eine Entwicklung, die auch Gert Gromball, Leiter des Schalke-Fanclub-Uelzen, bestätigt: „Die bekommen so viel Geld, das ist nicht mehr unsere Welt.“ Ohnehin habe er sich schon über die Jahre dabei ertappt, wie das Geschäft der eigentlich schönsten Nebensache der Welt ihn müde macht. Gromball: „Das war ein schleichender Prozess.“

Als Fan der seit 30 Bundesliga-Spielen sieglosen Königsblauen ist Gromball derzeit zweifelsohne leiderprobt. Die Negativwelle von S04 nimmt er wie viele andere Anhänger des so großen Traditionsvereins mit einem Achselzucken hin: „Da ist keine Schalker DNA mehr.“

DFB: Vom Fan-Magnet zum Quoten-Chaos

Abgehoben und entfremdet: Ein Dorn im Fleisch vieler Fans hierzulande ist die Nationalmannschaft. Ein Team, das speziell Andreas Kophal vom WM-Fanklub Soltendieck verfolgt. Bei fünf Endrunden schon im Stadion gewesen, reist er auch zwischen den Turnieren der DFB-Elf hinterher – die Corona-Situation mal ausgeklammert. Auch wenn Kophal der Nationalmannschaft treu bleibt, unterstützt er die Aussage von Fanforscher Lange: „Die Zuschauer beim Nationalteam werden immer weniger. Die Mannschaft spielt schlecht, erfordert aber weiter hohe Kosten.“

Früher noch ein Fan-Magnet, waren im November 2019 etwa 30 000 respektive 37 000 Fans bei Spielen in Mönchengladbach und Frankfurt – beide Stadien haben eine Kapazität von rund 50 000 Plätzen. Zudem sinken die TV-Quoten immer mehr, der November-Test gegen Tschechien (1:0) wurde gar vom Format „Bares für Rares“ im ZDF getoppt.

Auch Kophal und seine Kollegen reisen nur noch zu wichtigen (Auswärts-) Spielen der Elf von Bundestrainer Joachim Löw und verzichten auf Testpartien. So hat der WM-Fanclub auf die Auslosung der Qualifikationsgruppen für die WM 2022 gewartet. Kophal: „Wenn Corona es erlaubt, werden wir zuschlagen.“ Es stehen Spiele etwa gegen Nordmazedonien, Liechtenstein und Armenien an. Keine Quotentreiber.

Zweifel an Rückgang in Millionenhöhe

Der hiesige Fanclub des FC Bayern München, „Calluna Bavaria Uelzen-Lüneburg“, hält die Aussagen des Fanforschers dagegen für „polemisch“, sagt Lars Severloh. Er ist der Sprecher des am 1. Mai 1995 offiziell eingetragenen, 31 Mitglieder zählenden und familiär geprägten Fanclubs. Severloh: „Wir beobachten viele Dinge des modernen Fußballs durchaus kritisch und auch mit Sorge. Auch bereits vor Corona und auch beim FC Bayern.“

Durch die aktuelle Krise würden viele Missstände im Fußball noch sehr viel deutlicher werden und „durch die vermeintliche Sonderrolle des Fußballs in der Pandemie“ glauben die Bayern-Anhänger, dass „sicherlich Fans – insbesondere in der Ultra-Szene – ihre Leidenschaft herunterfahren“. Dennoch bezweifeln Severloh und Co. an einer millionenfachen Abkehr der so populären Sportart: „Dafür war und ist der Fußball weltweit zu bedeutend und hat schon ganz andere Krisen, wie zum Beispiel Kriege, überstanden.“

VON ROUVEN PETER

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