Die Entscheidung ist gefallen

NFV radiert die Fußballsaison in Niedersachsen aus

Ball und Mülltonne
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Die Fußballsaison 20/21 für die Amateure in Niedersachsen kommt auf den Müll. Am Mittwoch beschloss der NFV-Verbandsvorstand auf einer virtuellen Konferenz, die seit dem November eingefrorene Spielzeit ohne Wertung abzubrechen.
  • Bernd Klingebiel
    vonBernd Klingebiel
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Als hätte es sie nie gegeben! Der Niedersächsische Fußballverband (NFV) hat am Mittwochabend (31. März) in einer virtuellen Vorstandsschalte die Saison 2020/21 der Amateure ausradiert. Nur der Landespokal soll auf dem Rasen möglichst noch beendet werden. Sämtliche bisher erzielten Meisterschaftsergebnisse werden annulliert, es gibt weder Auf- noch Absteiger. Die Staffeln sollen in alter Besetzung in die neue Spielzeit 21/22 starten.

Barsinghausen/Uelzen – Um Punkt 19.31 Uhr war das Schicksal der Saison 2020/21 besiegelt. In einer Videokonferenz beschloss der NFV-Verbandsvorstand, der sich aus dem Präsidium um Günter Distelrath und den Vorsitzenden der 33 niedersächsischen Fußballkreise zusammensetzt, mit mehr als 80-prozentiger Mehrheit, die Spielzeit mit sofortiger Wirkung zu löschen. Sie war wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie seit Anfang November unterbrochen.

Die neue Runde soll, wie üblich, am 1. Juli und in den alten Staffelbesetzungen beginnen. Ob der Ball dann allerdings wirklich wieder rollen wird, ist angesichts des dynamischen Pandemiegeschehens unklar.

Es gibt in der annullierten Punktspielserie weder Auf- noch Absteiger. Eine Sonderrolle spielt die Oberliga Niedersachsen mit der Schnittstelle zur Regionalliga Nord. Dort kann es über eine „alternative Entscheidungsfindung“ Aufsteiger geben.

Auch laufende Pokalwettbewerbe können nach der Entscheidung des NFV je nach behördlicher Verfügungslage fortgeführt werden. Dies gilt insbesondere für die beiden Stränge des Landespokals, aus dem die Teilnehmer für den auch finanziell lukrativen DFB-Pokal ermittelt werden. Der Lüneburger Bezirkspokal sowie die Cupwettbewerbe im Heide-Wendland-Kreis waren in der Saison 20/21 aber ohnehin ausgesetzt.

Die Entscheidung im NFV-Verbandsvorstand fiel nach 90-minütiger Spielzeit und vielen Diskussionen. So hatte sich vor der Zusammenkunft in Fußballkreisen auch Widerstand gegen die avisierte Annullierung geregt. Der NFV erhielt mehrere offene Briefe, in denen Vereine einen vorzeitigen Saisonabbruch aus vielerlei Gründen kritisierten. Klubs – auch aus dem Heide-Wendland-Kreis – forderten, die ruhende Saison unbedingt fortzusetzen, wann auch immer. Insbesondere die aussichtsreich im Aufstiegsrennen liegenden Teams seien bei einer Annullierung für mindestens ein Jahr um den möglichen Lohn ihrer Arbeit gebracht, argumentieren die Kritiker.

Der Spielausschussvorsitzende des Heide-Wendland-Kreises, Thore Lohmann, nahm auf einer kreisweiten Videokonferenz einen entsprechenden Vorschlag der FSG Südkreis auf und erklärte die verzwickte Lage. Egal, wie sich der Verband entscheide, „einhundert Vereine sind sich einig und der 101. ruft dann das Sportgericht an.“

Ob in Niedersachsen in dieser Saison unterhalbder Bundesligen noch Fußball gespielt wird, hängt von den Entscheidungen für die verbandsübergreifende Regionalliga Nord mit dem Lüneburger SK Hansa ab. Ob sie fortgeführt wird, ist weiterhin unklar. Es werde aber Absteiger geben, die genaue Zahl sei jedoch noch nicht festgelegt, erklärte Jürgen Stebani für den Norddeutschen Fußballverband.

Die Pressemitteilung des NFV vom Mittwoch im Wortlaut

Die Fußball-Saison in Niedersachsen ist beendet. In seiner ordentlichen Sitzung einigte sich der NFV-Verbandsvorstand am heutigen Abend darauf, die seit Anfang November 2020 durch die Corona-Pandemie unterbrochene Spielzeit 2020/21 mit sofortiger Wirkung in Form der Annullierung abzubrechen. Auf- und Absteiger wird es deshalb nicht geben. Die Entscheidung betrifft alle Alters- und Spielkassen auf Kreis-, Bezirks- und Verbandsebene. Auch die NFV-Spielklassen, die eine Schnittstelle zu anderen Verbänden aufweisen (z.B. Norddeutscher Fußball-Verband oder Deutscher Fußball-Bund), fallen unter diesen Beschluss. Allerdings können in diesen Spielklassen der/die Aufsteiger im Wege einer alternativen Entscheidungsfindung ermittelt werden; soweit die Beschlusslage im übergeordneten Norddeutschen Fußball-Verband einen Aufstieg zulässt.

„Mit den hierfür erforderlichen Lösungsschritten werden sich jetzt zunächst die spieltechnischen Ausschüsse befassen“, erklärte NFV-Präsident Günter Distelrath nach der knapp 2-stündigen Videokonferenz, an der u.a. die Vorsitzenden der 33 niedersächsischen Fußballkreise sowie die Mitglieder des Präsidiums teilnahmen. Zudem sagte er: „Wir haben unsere Entscheidung schweren Herzens getroffen. Aufgrund der staatlichen Verfügungslage, die den Lockdown zunächst bis zum 18. April verlängert hat, sowie den perspektivischen politischen Aussagen erachten wir eine rechtzeitige Aufnahme eines uneingeschränkten Mannschaftstrainings und Spielbetriebs für nicht mehr realistisch. Selbst im besten Fall würden wir vor Mitte Mai nicht zu einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs kommen, denn nach so langer Pause würde eine nur zweiwöchige Vorbereitungszeit sicherlich nicht ausreichen. Erschwerend kommen die drastisch gestiegenen Infektionszahlen hinzu. Es sind einfach zu viele Unwägbarkeiten wie der weitere Pandemie-Verlauf im Spiel. Nicht zuletzt folgen wir mit unserer Entscheidung dem klaren Votum unserer Vereine.“

Der Vorstandssitzung vorausgegangen war eine Erhebung eines Meinungs- und Stimmungsbildes in den 33 NFV-Kreisen und vier NFV-Bezirken. „Meine Vorstandskollegen sind in den Kreisen und Bezirken mit ihren Vereinen in einen intensiven Dialog zum weiteren Umgang mit der Saison eingetreten. Hierbei bestätige sich niedersachsenweit mit großer Mehrheit die Variante des Abbruchs in Form der Annullierung“, erklärte Distelrath.

In der Vorstandssitzung wurden auch Stimmen erörtert, die sich gegen einen Saisonabbruch ausgesprochen hatten. So ging Distelrath u. a. auf einen an ihn adressierten Offenen Brief von 14 Vereinen aus dem NFV-Bezirk Braunschweig ein, die darum gebeten hatten, die weitere Entwicklung der Pandemie abzuwarten. „In den letzten Tagen haben mich Mitteilungen von Vereinsvertretern erreicht, die sowohl in die eine als auch in die andere Richtung argumentieren. Alle waren durch eine große Sachlichkeit und einer ernsthaften und reflektierten Auseinandersetzung mit der Situation gekennzeichnet. Das hat mich sehr gefreut“, sagte der NFV-Präsident und stellte heraus: „Noch vor ein paar Wochen waren meine Vorstandskollegen und ich vor dem Hintergrund der positiven Entwicklung der Inzidenzen und der in Aussicht gestellten Öffnungsperspektiven – auch für den Amateursport – zuversichtlich, die Saison sportlich beenden zu können. Dass jetzt aufgrund der Rahmenbedingungen der Abbruch der Saison steht, berührt uns alle emotional zutiefst. Doch leider ist dieser Schritt angesichts der aufgeführten Punkte ohne realistische Alternativen.“

Entschieden wurde auch der weitere Umgang mit dem Pokalspielbetrieb. „Die Teilnehmer am DFB-Pokal sollen, sofern es die Verfügungslage zulässt, sportlich ermittelt werden. Andernfalls kommt auch hier eine alternative Entscheidungsfindung in Betracht. Gleiches gilt für den Pokal auf Kreis- und Bezirksebene“, sagte Distelrath.

Für die kommenden Monate und die folgende Saison setzt Distelrath auf ausreichenden Impfstoff und Selbsttestungen. „Ich hoffe, dass wir in Deutschland die Probleme mit dem Corona-Impfstoff in den Griff bekommen. Mit der zunehmenden Durchimpfung der Bevölkerung wird die Pandemie ihren Schrecken verlieren. Darauf hoffen wir alle. Im Sinne der Gesundheit und im Sinne des Fußballs.“

Zum Ergebnis der heutigen Vorstandssitzung und zur allgemeinen Lage äußert sich NFV-Präsident Günter Distelrath auch im aktuellen Video-Podcast des NFV, der gegen 21.00 Uhr auf nfv.de einsehbar ist.

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