Dreiteilige AZ-Serie: Neue Fußball-Regeln - Was sich zur neuen Spielzeit ändert

Wenn der Referee nicht mehr Luft ist…

Auch wenn der Strafstoß-Schütze verletzt war – künftig muss er das Spielfeld nicht mehr verlassen, sondern kann nach seiner Genesung direkt den Strafstoß schießen. Foto: picture alliance/Robert Michael/dpa

Uelzen/Landkreis – Zur neuen Fußball-Saison treten gravierende Regeländerungen in Kraft. Auch beim Dauerthema „Handspiel“ gibt es Neuerungen.

Der Ball ist rund. Das Runde muss ins Eckige. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel… Die weltweite Attraktivität des Fußballsports lebt bis heute davon, dass er so einfach ist. So geht das „International Board“, die Regelkommission der FIFA, seit jeher sehr zurückhaltend mit Regeländerungen um, damit der Kern des Spiels nicht angetastet bleibt.

Woran indes seit Jahren gearbeitet wird, ist, den Fußball schneller, torreicher, fairer und damit noch attraktiver zu machen. Wer sich mal ein Spiel aus den 1970er Jahren anschaut, wo man den Eindruck hat, Beckenbauer, Netzer, Breitner und Co. spielen Standfußball, erkennt, dass dieser Weg erfolgreich war und ist. Genauso sind die zum Teil einschneidenden Regeländerungen zu betrachten, die jetzt in dieser neuen Saison 2019/2020 gültig werden.

So haben sich die Aktiven wie die Zuschauer unter anderem daran zu gewöhnen, dass der Schiedsrichter nicht mehr „Luft“ ist, dass ein Tor auch nach einem unabsichtlichen Handspiel nicht mehr gilt und dass der Ball bei Frei- und Abstößen auch dann schon im Spiel ist, wenn das Leder den eigenen 16,50-Meter-Raum noch gar nicht verlassen hat.

Dreiteilige Serie

Marco Haase

Für die AZ-Sportredaktion hat DFB-Schiedsrichter-Beobachter und Referee-Coach Marco Haase (SV Holdenstedt, NFV-Kreis Heide-Wendland) in einer dreiteiligen Serie die wichtigsten Regeländerungen zusammengestellt und kommentiert. Marco Haase ist zudem Mitglied des Verbandsschiedsrichter-Lehrstabes des Niedersächsischen Fußball-Verbandes und Beisitzer im Kreisschiedsrichter-Ausschuss Heide-Wendland. Der seit mehr als drei Jahrzehnten aktive Unparteiische, der unter anderem zehn Jahre lang als Schiedsrichter und Assistent in der 3. und 4. Liga aktiv war, empfiehlt: Die Mannschaften sollten sich vor Beginn der wichtigen Spiele der neuen Saison mit den Regeländerungen beschäftigen und auch den Sachverstand der Schiedsrichter hinzuziehen, zum Beispiel, indem sie zu ihren Trainingseinheiten Unparteiische einladen, um die wichtigsten Neuerungen erläutert zu bekommen. Marco Haase, viele Jahre auch als AZ-Redakteur und Autor der Kolumne „Pfiff der Woche" aktiv, hat hier und da auch noch ein paar weitere Hinweise für Regelfüchse eingebaut.

Änderung:

Ein Spieler, der ausgewechselt wird, muss

- das Spielfeld über die nächste Begrenzungslinie verlassen, es sei denn, der Schiedsrichter zeigt an, dass der Spieler direkt und sofort an der Mittellinie oder an einer anderen Stelle verlassen darf (zum Beispiel aus Sicherheitsgründen oder wegen einer Verletzung),

Auswechselvorgänge sollen künftig beschleunigt werden. Spieler sollen das Spielfeld über die nächste Begrenzungslinie verlassen. Foto: picture alliance/Thissen/dpa

- sich sofort in die Technische Zone oder Umkleidekabine begeben und darf nicht mehr am Spiel teilnehmen; es sei denn, Rückwechsel sind [in dieser Spielklasse] zulässig.

Der Marco-Haase-Kommentar:

Eine absolut sinnvolle, praxistaugliche Änderung gegen das Zeitschinden. Oft haben Spieler, die, weit weg von der Mittellinie entfernt, sich nach Auswechselungen genau dorthin gemütlich begeben, um Zeit herauszuholen. Über Ausnahmen entscheidet der Referee, zum Beispiel dann, wenn eine Trage auf den Platz gebracht werden muss oder der Akteur am aufgebrachten Anhang des Gegners vorbei muss – wobei dafür eigentlich wieder die Ordner zuständig wären. Der direkte Gang in die Technische Zone oder Kabine soll eventuellen Konfrontationen mit Gegnern, Zuschauern oder Fans vorbeugen. Übrigens: Wenn der Spieler gegen diese Regeln verstößt, kassiert er wegen Unsportlichkeit den gelben Karton.

Regel 5: Schiedsrichter

Änderung:

Der Schiedsrichter kann Teamoffizielle, die sich nicht verantwortungsbewusst verhalten, verwarnen (Gelbe Karte) oder sie vom Spielfeld und dessen unmittelbarer Umgebung einschließlich der Technischen Zone entfernen lassen (Rote Karte). Kann der Täter nicht identifiziert werden, wird die Disziplinarmaßnahme gegen den höchstrangigen Trainer in der Technischen Zone ausgesprochen.

Kommentar:

Künftig wird der Referee Fehlverhalten an den Bänken gegenüber Trainern und Betreuern mit Gelben oder Roten Karten ahnden. Foto: picture alliance/Uwe Anspach/dpa

Nicht selten wird von den Bänken Unruhe in die Partie getragen. Der Referee kann nun mit den Karten die Disziplinarmaßnahmen gegen Trainer, Co-Trainer oder Betreuer für alle auf dem Platz und im Stadion deutlich machen; zuvor ging das nur mit dem Handzeichen, etwa dann, wenn ein Coach von der Bank verbannt wurde. Dass im Zweifel der Trainer die persönliche Strafe kassiert, ist sehr sinnvoll – er ist für das Verhalten der Teamoffiziellen verantwortlich und sollte künftig von vornherein für Fairness sorgen.

Zu den „Disziplinarmaßnahmen“: So werden die „Persönlichen Strafen“ bezeichnet: Gelb, Gelb/Rot, Rot. Und ein Synonym für „Gelb“ ist übrigens der Fachbegriff „Verwarnung“. Die Verwarnung hat rein gar nichts mit der „Ermahnung“ zu tun, also der deutlichen Ansprache des Schiedsrichters gegenüber einem foulenden oder meckernden Akteur. Auch für Gelb/Rot und Rot gibt’s ein Synonym: Feldverweis.

Änderung:

Ein verletzter Spieler darf nicht auf dem Spielfeld behandelt werden. […] Ausnahmen von der Verpflichtung bestehen nur, wenn ein Strafstoß verhängt wurde und der verletzte Spieler der Schütze ist.

Kommentar:

Absolut im Geist des Fußballs. Bisher konnte beispielsweise der sicherste Schütze des Teams den Strafstoß nicht ausführen, weil er das Feld nach der Behandlung verlassen musste und erst nach der nächsten Spielfortsetzung, hier dem Strafstoß, den Platz wieder betreten durfte.

Regel 8: Beginn und Fortsetzung des Spiels

Änderung:

Kapitäne bei der Seitenwahl. Der Sieger hat die ganze Wahl: Ball oder Seite. Wählt er die Kugel, darf der Münzwurf-Zweite immerhin noch die Seite wählen.

Das Team, das beim Münzwurf gewinnt, entscheidet, auf welches Tor es in der ersten Halbzeit spielt oder ob es den Anstoß ausführt.

Kommentar:

Das hatten wir früher schon mal. Es ist sinnvoll, dass der Münzwurf-Sieger sich zwischen Ball und Platzwahl entscheiden kann – vielleicht möchte die Mannschaft ja auch gleich in Ballbesitz sein. Nebenbei: Aus dem Anstoß kann seit einiger Zeit auch direkt ein Tor erzielt werden – eine Chance für die besten Schützen des Teams. Der Münzwurf-Zweite hat aber in diesen Fällen auch noch die Wahl: Er kann wählen, auf welches Tor er in der ersten Halbzeit kickt.

Änderung:

Die Ausführung des Schiedsrichter-Balls wird der längst gängigen Praxis angepasst, die Stress und Konfrontationen vermeidet. Foto: picture alliance/Jörg Carstensen/dpa

Der Schiedsrichter-Ball erfolgt mit dem Torhüter des verteidigenden Teams in dessen Strafraum, wenn zum Zeitpunkt der Unterbrechung

- der Ball im Strafraum war oder

- die letzte Ballberührung im Strafraum erfolgte.

In allen anderen Fällen erfolgt der Schiedsrichter-Ball mit einem Spieler des Teams, das den Ball zuletzt berührt hat, an der Stelle, an der der Ball zuletzt von einem Spieler einer Drittperson oder von einem Spieloffiziellen berührt wurde. Alle anderen Spieler (beider Teams) müssen einen Abstand von mindestens vier Metern zum Ball einhalten, bis der Ball im Spiel ist.

Kommentar:

Ehrlich: Genauso habe ich es als Unparteiischer schon vor 20, 30 Jahren gemacht, um Stress zu vermeiden, obwohl das eigentlich nicht ganz regelkonform war – und alle Beteiligten auf und am Rasen haben das genauso gesehen. Ich warte doch als Schiedsrichter nicht ab, bis aufgeheizte Akteure beider Teams um mich herumstehen. Und dem Torwart habe ich im eigenen Strafraum das Leder beim Schiedsrichter-Ball fast zugeworfen.

Die Regeln folgen der Praxis, Konfrontationen wird auf diese Weise vorgebeugt. Der Schiedsrichter-Ball wird mit einem Spieler der Mannschaft ausgeführt, welche die Kugel zuletzt berührte – dadurch soll auch der Vorteil, der vor der Unterbrechung bestand, wiederhergestellt werden.

Regel 9: Ball in und aus dem Spiel

Änderung: 

Das Spiel wird mit einem Schiedsrichter-Ball fortgesetzt, wenn der Ball einen Spieloffiziellen berührt, aber auf dem Spielfeld bleibt und - ein Team einen aussichtsreichen Angriff auslöst/startet, - der Ball direkt ins Tor geht, - der Ballbesitz wechselt.

Kommentar: 

Mit „Spieloffiziellen“ ist das Schiedsrichter-Team gemeint (im Gegensatz zu den „Teamoffiziellen“ auf der Trainerbank). Das seit Jahrzehnten geflügelte Wort „Der Schiedsrichter ist Luft“ gilt in den beschriebenen Fällen nicht mehr. So wird ausgeschlossen, dass eine Mannschaft einen Vorteil bekommt oder sogar einen Treffer erzielt, nachdem die Kugel vom Referee oder seinen Assistenten berührt wurde – das ist alles schon vorgekommen.

VON MARCO HAASE

Im zweiten Teil der Serie wird es insbesondere um die Regel 12 gehen: Fouls und unsportliches Betragen.

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