Sievers, Selke, Bertram: So erleben Uelzener Fußballer im internationalen Profigeschäft die Corona-Krise

„Müssen das jetzt so durchziehen!“

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An Fußball spielen ist aktuell nicht zu denken. Der Uelzener Sören Bertram (1. FC Magedeburg) absolviert aktuell ein individuelles Trainingsprogramm.

Von Edinburgh bis Vaduz, von Magdeburg bis Uelzen. Das Corona-Virus hat die Fußballwelt europaweit fest im Würgegriff. Davon können auch die Uelzener Kicker ein Klagelied singen, die im Profigeschäft arbeiten.

Uelzen/Magdeburg/Vaduz/Edinburgh – So ganz auf das runde Leder und das praktische Training muss der dreifache Familienvater Sebastian Selke trotz des sportlichen Shutdowns nicht verzichten. „Mein Sohn Samuel ist auch ein kleiner Torwart“, erklärt er. Da fliegen auch zuhause mal die Kugeln, da wird auf ruhende Bälle gehechtet.

Sebastian Selke ist Torwarttrainer beim FC Vaduz. Der Klub aus Liechtenstein spielt in der Challenge League, der zweithöchsten Spielklasse in der Schweiz. Auch die Eidgenossen haben die Fußballsaison unterbrochen, vorerst bis zum 30. April.

In Liechtenstein und der Schweiz ist die Notlage ausgerufen. Der FC Vaduz hat am letzten Dienstag bis auf Weiteres den Trainings- und Spielbetrieb komplett eingestellt. Homeoffice für Selke, der im bayerischen Lindau am Bodensee lebt.

Selke: Hoffen auf den Europapokal-Traum

An einen vorzeitigen Abbruch oder gar eine Annullierung der Saison mag der ehemalige Uelzener gar nicht denken: Vaduz ist Tabellenzweiter, hofft auf den Aufstieg in die Super League und die abermalige Qualifikation für die Europa League. Dort schaffte es die Mannschaft im letzten Jahr bis in die dritte Qualifikationsrunde, scheiterte dann an Eintracht Frankfurt.

Selke verbrachte die Kindheit bei seiner Tante am Loosekamp in Uelzen. Er spielte in der Jugend für den Sportclub 09, wechselte zu den Herren des Lüneburger SK (1992 bis 1997). Bis 2000 gehörte Selke zwei Jahre lang zum Profikader des 1. FC Köln, spielte für die Geißbock-Elf vier Mal in der 2. Liga. Anschließend folgten Stationen beim KFC Uerdingen 05, der ihn insgesamt drei Mal verpflichtete, VfL Bochum und Schwarz-Weiß Essen. 2009 ging Selke gemeinsam mit Weltmeister und Trainer Pierre Littbarski zum FC Vaduz, ist dort seitdem für die Torhüter zuständig.

Die aktuelle Situation stellt auch Selke vor besondere Herausforderungen. „Wir haben unsere Spieler für vier Wochen mit individuellen Trainingsplänen eingedeckt“, erklärt er. Überwacht werden die erbrachten Leistungen mithilfe von allerlei Gurten, Chips und Sendern. „Wir haben noch große Ziele“, verkündet Selke. Der Tenor unter den Profivereinen in der Schweiz sei jedenfalls eindeutig: „Wir wollen die Saison zu Ende bringen.“

Bertram: „Das ist schon sehr eintönig“

Einer derjenigen, die in diesen schweren Tagen und Wochen digital gesteuert von Pulsuhr und Apps allein trainieren müssen, ist Sören Bertram. Der Uelzener in Diensten des Drittligisten 1. FC Magdeburg und seine Mannschaftskollegen haben individuelle abgestimmte Laufpläne mitbekommen.

Eingewiesen wurden die FCM-Fußballer bei einer interaktiven Mannschaftssitzung. Sportchef Maik Franz saß bei Trainer Claus-Dieter Wollitz zuhause in Potsdam vor dem Computer und sprach mit dem Team über den Umgang mit der Gesamtsituation.

Am ersten Wochenende nach dem Shutdown spulte Bertram seinen Trainingsplan bei einem Familienbesuch in Uelzen ab. Das ist jetzt nicht mehr drin. Er ist in Magdeburg, hält sich an die Corona-Beschränkungen im öffentlichen Leben.

In Magdeburg ist individuelles Training angesagt für den Uelzener Profi Sören Bertram. Foto: Privat

Immer wieder Laufen. Und auch die Stabilisierungs-, Dehn- und Kräftigungsübungen „sind relativ unspektakulär“, sagt Bertram. „Das ist schon sehr eintönig“, vermisst der 28-Jährige das Teamtraining, den Geruch des Rasens – und den Kitzel. „Jeder Sportler zieht seine Motivation aus dem Wettkampf, das ist jetzt alles nicht so einfach. Aber das ist unser Beruf, wir müssen das jetzt so durchziehen“, erklärt der Linksfuß. Wohlwissend, dass der Sport derzeit in den Hintergrund treten muss. Bertram: „Wir müssen allen, die für unsere Versorgung arbeiten, zum Beispiel den Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, Rettungskräften und Mitarbeitern in den Supermärkten Respekt zollen. Wir müssen jedem dieser Menschen dankbar sein!“

Sievers: Gehaltsverzicht bei Heart of Midlothian

Knall auf Fall veränderte Corona das Fußballerleben auch in Schottland, berichtet Jörg Sievers. Der gebürtige Römstedter ist Co-Trainer beim Heart of Midlothian Football Club, der sich in der erstklassigen Scottish Premiership gegen den Abstieg spielt.

Nach 30 Jahren bei Hannover 96 – davon 14 als Stammkeeper (bis 2003) und anschließend als erfolgreicher Torwarttrainer – gab das Vereins-Idol der Roten seine Lebensstellung auf. Im Januar folgte der DFB-Pokalheld Hannovers Ex-Trainer Daniel Stendel, der als Chefcoach beim englischen Zweitligisten FC Barnsley gehen musste, und heuerte bei den Hearts an. In Edinburg ist die 96-Legende sogleich befördert worden – vom Torwarttrainer zum Assistenten.

Eine Beförderung ganz anderer Art erlebte Sievers vor acht Jahren – die ins Tor von Teutonia Uelzen! In einer spektakulären Nacht- und Nebel-Aktion ließ sich der damals 46-Jährige von seinem Bruder Ralf Sievers, der Trainer des Oberligisten war, überzeugen, für den rotgesperrten Schlussmann Moritz Niebuhr einzuspringen. Jörg Sievers half für zwei Partien aus und feierte zwei Siege. Sein Spielerpass lag noch längere Zeit ungenutzt bei den Blau-Gelben. Mittlerweile aber kickt Jörg Sievers wieder, als Torjäger für die Ü40 des TSV Wenningsen.

Noch am Tag vor dem Shutdown in Schottland hatten die Glasgow Rangers vor vollen Rängen im Achtelfinale der Europa League gegen Bayer Leverkusen gespielt, wenige Stunden später wurden alle Ligaspiele in Schottland ausgesetzt. Es sei im Land zwar Nervosität zu spüren gewesen, „zu diesem Zeitpunkt aber kam das für alle sehr überraschend, weil das Virus noch nicht angekommen war“, schildert Sievers gegenüber der AZ. Bis dato galten die üblichen Verhaltenshinweise, wie häufiges Händewaschen und der Verzicht aufs Händeschütteln.

Schnell griffen weitere Maßnahmen. Jörg Sievers nahm einen Flieger zur Familie in seine niedersächsische Heimat Wenningsen bei Hannover, wollte drei Tage später wieder zurück in Edinburg sein. Doch dann wurde auch dort der Trainingsbetrieb verboten. Sievers blieb. Und wartet nun darauf, dass sich die Situation entspannt – ein Geduldsspiel mit Open end.

Die Hearts-Kicker sind mit individuellen Trainingsaufträgen ausgestattet. Es ist die Zeit der Athletiktrainer, teamtaktische Übungen liegen auf Eis. „Du kannst nichts machen“, sagt Sievers.

Der vierfache schottische Meister – der letzte Triumph liegt 60 Jahre zurück – hat als erster Premiership-Klub in der Corona-Krise in einem offenen Brief Spieler, Trainerpersonal und andere Mitarbeiter aufgefordert, bis auf Weiteres auf die Hälfte ihres Gehalts zu verzichten. Sievers zeigt Verständnis: „Es ist ja keine willkürliche Aktion. Der Verein muss ausschöpfen, was geht. Letztlich sind wir ganz normale Angestellte.“ Chefcoach Stendel kündigte an, vorerst komplett auf sein Salär zu verzichten.

Wann der Ball in den Highlands wieder rollen wird, ist ungewiss – wie überall in Europa. Sievers: „Natürlich wollen alle die Saison zu Ende bringen. Durch die Verschiebung der EM haben wir etwas Luft bekommen.“

VON BERND KLINGEBIEL

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