Henkeltopf auf dem Lockenkopf

Rainer Zobel blickt als Spieler und Trainer auf eine schildernde Karriere, die ihn weiterhin auf Trab hält. Auch als heute 72-Jähriger und Teamchef des Lüneburger SK beweist er stets, „ein Glückskind des Fußballs“ sein zu dürfen. Foto: Marud
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Rainer Zobel blickt als Spieler und Trainer auf eine schildernde Karriere, die ihn weiterhin auf Trab hält. Auch als heute 72-Jähriger und Teamchef des Lüneburger SK beweist er stets, „ein Glückskind des Fußballs“ sein zu dürfen. Foto: Marud

„Es ist wichtig, wo man herkommt. Das wissen nicht viele. Wo ich hingegangen bin, das wissen die meisten“, sagt Rainer Zobel im Gespräch mit der AZ.

Erstmals erscheint ein Buch über Uelzens besten Fußballer und ehemaligen Profi des FC Bayern München mit vielen Geschichten aus seiner Heimatstadt. „Zobel – Ein Glückskind des Fußballs“ erscheint am 30. November.

VON BERND KLINGEBIEL

Uelzen – „Ich habe lange Zeiten meines Lebens rund um den Fußball auch in Uelzen verbracht“, sagt Rainer Zobel, der schon seit langem in Braunschweig lebt und Teamchef des Regionalligisten Lüneburger SK Hansa ist. Der 72-jährige Weltreisende in Sachen Fußball ist längst bodenständig: „Meine Heimat ist mir wichtig. Uelzen, die Lüneburger Heide, Norddeutschland.“

...Albrecht Breitschuh gelingt ein facettenreiches Porträt. Fotos: imago, B. Klingebiel

NDR-Hörfunkjournalist Albrecht Breitschuh hat Zobels Leben als Spieler und als Trainer aufgeschrieben. Von Februar bis Oktober hatten sie nahezu wöchentlich Kontakt miteinander und über alles gesprochen. Breitschuh erzählt auf insgesamt 240 Seiten viele Geschichten aus Zobels Leben. Von der Uhlenköperstadt brach der begnadete Techniker einst auf in eine schillernde Spieler- und Trainerkarriere.

„Meine Bedingung: nichts Anstößiges“

Das Buch präsentiert einen Menschen, der mit Freude und Begeisterung auch über das erzählt, was abseits des Platzes passiert ist. Aber nicht alles gibt Zobel preis, auch wenn er um keinen Einblick verlegen ist. So bleiben aus Rücksichtnahme auf die eigene und vor allem die Privatsphäre anderer einige Ereignisse in seinem Leben zwar nicht ausgeklammert, aber nur angedeutet.

„Es war meine Bedingung, nichts Anstößiges reinzubringen, nur um das Buch zu verkaufen“, erklärt Zobel. Er wisse nicht mal, wieviel Cent er bekommt pro verkauftem Exemplar. Es interessiert ihn auch nicht. „Ich bin dankbar, seit meinem 9. Lebensjahr und bis heute im Fußball dabei sein zu dürfen.“

Wir alle dürfen dran teilhaben. Da erfährt der sportbegeisterte Leser etwa, was Zobels Porsche 911 mit Roy Black zu tun hat. Und warum ihn der Schlägersänger zur Geburtstagsparty in seine Fischerhütte einlud.

Das Bild von Bayerns EC-Triumph 1974 ging um die Welt und schmückt das Buchcover: „Zobel – Ein Glückskind des Fußballs“. Foto: ARETE

Rainer Zobel und der Fußball. Das ist deutschland- und europaweit bei den meisten Fans mit der erfolgreichen Zeit bei Bayern München verknüpft, die für ihn so kurios begann: „Rainer, fürs Fußballspielen bin ich hier zuständig!“, verklickerte ihm Franz Beckenbauer am Anfang seiner sechs Jahre beim FCB. Zobel erreichte in den 70ern mit den Rot-Weißen alles: DFB-Pokalsieg, drei deutsche Meisterschaften, drei Mal Europapokalsieger der Landesmeister.

Beim ersten europäischen Triumph einer deutschen Mannschaft in diesem Wettbewerb machte Zobel am 17. Mai 1974 im Wiederholungs-Match gegen Atlético Madrid (4:0) das Spiel seines Lebens. Er, der im Starensemble hoch dekorierter Nationalspieler ansonsten eher zuverlässig und unauffällig agierte, war plötzlich Hauptdarsteller des bis dato größten Triumphes der Vereinsgeschichte, schildert Breitschuh.

Übermütig setzte Zobel sich bei der Siegerehrung den schweren Henkeltopf auf den Lockenkopf, daneben strahlte Sepp Maier. Für solche Einlagen war eigentlich der Keeper als Ulk-Nudel zuständig. Das Bild des Abends ging um die Welt.

Die Zigarette vor dem Spiel war Ritual

Und ja, Rainer Zobel feierte gern, war als Spieler und Trainer unangepasst, baute lieber das Abitur, als sich Zeit für die A-Nationalmannschaft zu nehmen. Breitschuh gelingt das Porträt eines liebenswerten, schlitzohrigen, lebenslustigen und vielseitig interessierten Sportlers, der nicht die Liste seiner Erfolge zusammenzählt, sondern dem der Fußball ob in Bundes- oder Kreisliga als die schönste Sache der Welt durch die Adern schießt.

Die Karriere bei den Bayern prägt das Spieler-Kapitel des Buches. Natürlich. Zobel lässt Breitschuh bis in die Kabine blicken. Wer wusste denn schon, dass Zobel die letzten taktischen Anweisungen vor Spielen oft nur zur Hälfte mitbekam? Während Trainer Udo Lattek sprach, öffnete sich dann die Kabinentür. Vereinsarzt Dr. Erich Spannbauer steckte seinen Kopf herein und flüsterte: „Rainer, der Verband.“ Ritual. Zobel stand auf und ging in die Nebenkabine, wo der Doc für ihn schon eine Fluppe angezündet hatte.

1998 kreuzte Rainer Zobel (links) als Trainer des ägyptischen Meisters Al Ahly Kairo zum Testspiel bei Teutonia Uelzen auf (6:3). Foto: B. Klingebiel

Für Zobel ist es eine „Herzensangelegenheit“, seinen Namen nicht nur mit den wohl grandiosesten Bayern der Klubhistorie, „sondern auch gleich mit Uelzen in Verbindung zu bringen“, sagt er der AZ. Und so befindet sich der Leser nach dem Europapokal-Triumph im Brüsseler Roi Baudouin nur einen kurzen Umschaltmoment später plötzlich mitten in Uelzen. Im Haus seiner Eltern, 500 Meter von Teutonias ehemaliger Heimspielstätte Musterplatz entfernt.

Autor Breitschuh geht liebevoll ins Detail: Zobels Anfänge und der Vater, der ihm das Fußballspielen im Verein verbot. Das Fußballgucken auf dem Fernseher im Schaufenster von „Radio Pommerien“ an der Lüneburger Straße. Die Wrestedter C-Jugend, für die Klein-Rainers Oma Elsbeth Retzlaff heimlich den Aufnahmeantrag unterschrieben hatte und durch deren Kreismeisterschaft die Sache nach einem Jahr bei den Eltern aufflog.

Die AZ hatte dem Titelgewinn nämlich einen großen Titel samt Mannschaftsfoto gewidmet, weiß Breitschuh. Nach einer Standpauke überraschte Otto Zobel seinen Sohn dann mit einem verlockenden Angebot: „Wenn du schon so gut bist, dann kannst du auch gleich in Uelzen spielen.“ Erst war’s Teutonia, dann der SC 09 Uelzen. Jugendnationalmannschaft, Hannover 96, Bayern München.

Rainer Zobel plaudert sympathisch offen über diese Zeiten. Wie aus dem Hobby Lebensinhalt wurde, für einen jungen Mann, der ja auch noch andere Interesse hatte.

So landete er an den Wochenenden zuverlässig in der legendären Kellerkneipe „Tenne“ an der Veerßer Straße in Uelzen, schreibt Breitschuh. In diesem verqualmten Schuppen traf er weit nach Mitternacht unerwartet auf Richard Hornburg, der Sportclubs Herren in der Verbandsliga Ost trainierte und der Typ gnadenloser Schleifer war. Zobel spielte als A-Jugendlicher in dem Team.

Erwischt in der Kellerkneipe „Tenne“

Hornburg forderte ihn auf, zur Vorbereitung aufs bevorstehende Spiel nach Hause zu gehen. Zobel entschied sich fürs Bleiben: „Wenn Sie mich deswegen aus der Mannschaft werfen, spiele ich eben überhaupt nicht mehr.“ Das kurze Gespräch war damit beendet, der Jugend-Nationalspieler tingelte fortan mit der Zweiten über die Dörfer.

Uelzen ist nach der Bayern-Ära wieder Lebensmittelpunkt. Breitschuh beleuchtet Zobels Teilhabe an der Kult-Disco „Klimperkiste“, wo er im „Veerßer Faß“ auch schon mal am Bierhahn zapfte. Uelzens bester Fußballer sammelte erste Erfahrungen als Trainer bei Teutonia. Seine anfängliche Skepsis gegenüber den eigenen Fähigkeiten war schnell verflogen.

Auch als Coach ging er seinen eigenen Weg. Über den Lüneburger SK, Eintracht Braunschweig, Stuttgarter Kickers, 1. FC Kaiserslautern, 1. FC Nürnberg und TeBe Berlin trug es Zobel hinaus in die Fußballwelt. Etwas ab vom Schuss zwar, aber zu goldigen Engagements in Ägypten, nach Südafrika, Georgien und in den Iran. Und wer Zobel kennt, der weiß, dass er Albrecht Breitschuh weitaus mehr zu erzählen hat, als nur die Namen von Spielern, Stadien und Hotels (kl).

Zobel – Ein Glückskind des Fußballs (ISBN 978-3-96423-049-2), Arete Verlag Hildesheim (www.arete-verlag.de).

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