Teutonias Torwart-Coup mit Hannover 96-Legende Jörg Sievers schlägt hohe Wellen

„Es gibt geteilte Ansichten“

Der größte Moment seiner Karriere: 1992 feierte Jörg Sievers als Torwart des damaligen Zweitligisten Hannover 96 den DFB-Pokalsieg (4:3) im Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach; der gebürtige Römstedter parierte im entscheidenden Elfmeterschießen zwei Bälle. Foto: dpa-Archiv

Uelzen - von Bernd Klingebiel. Es ist das Comeback des Jahres, es sorgt für Schlagzeilen und hitzige Diskussionen unter den Uelzener Fußballfans: Jörg Sievers, zu seiner aktiven Zeit einer der besten deutschen Torhüter in Diensten von Hannover 96, stand für alle überraschend am Sonntag für Landesligist Teutonia Uelzen beim 4:2-Auswärtssieg gegen Eintracht Elbmarsch im Kasten (AZ berichtete).

Der 46-Jährige ist der jüngere Bruder von Teutonia-Trainer Ralf Sievers, der ihn von dem Hilfseinsatz überzeugte. Jörg Sievers vertrat den für zwei Partien rotgesperrten Stammkeeper Moritz Niebuhr. Er übernahm den Part von Ersatzmann Maurice Maus, der bis wenige Stunden vor dem Anpfiff noch fest damit gerechnet hatte, sein erstes Punktspiel von Beginn an für Teutonia spielen zu dürfen. Maus trat die Reise nach Drage anschließend gar nicht erst mehr mit an, stellte sich stattdessen der Kreisliga-Reserve zur Verfügung und verlor mit ihr 0:8 in Wriedel. „Das ist für mich ein Schlag ins Gesicht. Ich bin menschlich enttäuscht“, erklärte Maus gegenüber der AZ.

„Der Sonntag war aufregend genug“

Mannschaftskapitän Thomas Nowak möchte zum jetzigen Zeitpunkt „nicht wirklich etwas dazu sagen“. Das Team habe auch erst am Spieltag von dem Torwart-Coup erfahren. Nowak: „Der Sonntag war aufregend genug, wir werden am Dienstag in der Mannschaft in Ruhe sprechen.“ Der Kapitän: „Es gibt geteilte Ansichten.“

Schon unter der Woche vor dem Spiel gegen Elbmarsch habe Maus Gerüchte aufgeschnappt, nach denen Ralf Sievers dringend einen Niebuhr-Ersatz suche – auch der Name Jörg Sievers sei gefallen, erklärt Maus gegenüber der AZ. Nach dem Abschlusstraining am Freitag habe er beim Trainer angerufen. Maus: „Ich war irritiert. Sievers sagte mir aber zu, dass ich am Sonntag spiele werde. Ich habe mich entsprechend darauf vorbereitet.“

Umso schwerer wiegt bei dem gefoppten Keeper jetzt die Enttäuschung über die Ausbootung kurz vor dem Anpfiff, „weil es im Verein ja einige gewusst haben müssen“. Maus: „Ich habe mich nie beschwert, stand immer ruhig im zweiten Glied. Das ist sportlich eine Sechs und menschlich nicht mal zu bewerten.“ Der Ersatzkeeper gibt dem Handball als Linksaußen beim Landesligisten TV Uelzen zwar die sportliche Priorität, war bei Teutonia jedoch stets zur Stelle und trainierte zudem Schlussmann Niebuhr. Maus: „Ob es mit der Ersten nochmal etwas wird, kann ich noch nicht sagen. Aber wer mal Fußball gespielt hat, kann es sich denken.“

Ralf Sievers hatte in einer kurzfristigen Aktion für seinen Bruder die Spielgenehmigung beim Niedersächsischen Fußball-Verband in Barsinghausen erwirkt. Jörg Sievers, gebürtiger Römstedter, Jugendspieler beim SV Eddelstorf, Ex-Profi, 96-Legende, DFB-Pokalsieger von 1992 und seit 2003 Torwarttrainer der Roten: „Ich habe vor zwei Jahren mal bei der U23 auf der Bank gesessen und besitze deshalb einen Spielerpass. Das war alles ganz einfach.“

Dass der 96-Bedienstete in der 6. Liga für Teutonia Uelzen im Tor stand und auch am nächsten Sonntag im Heimspiel gegen FC Eintracht Cuxhaven auflaufen wird, ist reine Glückssache. Die Bundesliga spielte am letzten Wochenende wegen der Länderspielpause nicht, und das Nordderby von Hannover 96 gegen Werder Bremen steigt bereits am kommenden Sonnabend. Die 96-Legende hat also Zeit. Jörg Sievers: „Es passt genau für diese beiden Spiele.“ Anschließend läuft Niebuhrs Sperre ab.

Seinem Einsatz in Drage sah der Kult-Keeper mit „ein bisschen Spannung“ entgegen. „Ralf hat gefragt, ob ich helfen kann. Ich bin körperlich fit, aber mein letztes Punktspiel ist neun Jahre her.“ Der 46-Jährige machte seine Sache gut, lobte sein Bruder. Jörg Sievers: „Bis auf Torben Tutas, gegen den ich mal gespielt habe, kannte ich keinen Spieler. Die Jungs haben mich ordentlich aufgenommen.“  

Dass Maurice Maus seinen Platz zwischen den Pfosten räumen musste, möchte Jörg Sievers nicht kommentieren: „Das ist Ralfs Geschichte.“ Der Trainer rechtfertigt seine Entscheidung und die späte Information: „Ich wollte keine Unruhe reinbringen. Dass Maurice maßlos enttäuscht ist von mir, ist klar. Es tut mir unendlich leid. Ich würde ihn gern wiederhaben.“

Bereits nach dem ersten Ligapunktspiel hatte Teutonias guter Stammtorwart der letzten Saison, Florian Henkel, den Verein enttäuscht verlassen. Zuvor hatte sich Niebuhr vom FC Gütersloh 2000 überraschend den Blau-Gelben angeschlossen. Nach einem offen geführten Zweikampf in der Vorbereitung entschied sich Sievers unmittelbar vor dem ersten Punktspiel für Niebuhr – und Henkel packte nach dem Schlusspfiff seine Siebensachen.

Kommentar

Aus die Maus!

Der Sieg und die gute Leistung von Torwart Jörg Sievers geben Trainer Ralf Sievers Recht: Auch in der 6. Liga zählt letztlich nur der Erfolg, Landesliga ist Leistungsfußball. Die großen Vereine machen es vor: Sie kaufen, verkaufen, leihen und verleihen Spieler wie auf dem Basar. Vereinstreue, Loyalität und meist auch die Menschlichkeit zählen längst nicht mehr.

Und doch sind auch die Teutonen Feierabend-Fußballer. Ein frühzeitiges, klärendes Gespräch unter Männern, und Maus hätte mit der Sache bedeutend besser umgehen können. Und wenn Niebuhr erneut ausfällt? Maus ist vergrätzt, Jörg Sievers normalerweise zeitlich nicht greifbar, und der mannschaftslose Oliver Kahn wohl kaum interessiert.

So hat Trainer Sievers im Vorfeld zwar die Ruhe wahren können, der Sturm der Entrüstung ist nach dem Spiel dafür umso heftiger, die Bestürzung bei einigen Beteiligten auch innerhalb der Mannschaft umso tiefer. Das kann im schlimmsten Fall das Team spalten und den Trainer den Posten kosten.

Und es wirft ein Schlaglicht auf die Jugendarbeit bei Teutonia: Wo ist denn ein guter junger Torwart, der auf eine solche Einsatzchance nur so hingefiebert hat? Aber Teutonia hat keine U19 und U18 mehr.

(Mail: bernd.klingebiel@cbeckers.de)

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