AZ-Archivperlen: Die Bundesliga zu Gast in Uelzen:

HSV kommt in Rosche spät auf Touren, der FC St. Pauli in Holdenstedt fast gar nicht

Torraumszene beim Fußball
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Damals HSV-Stürmer, heute Bayern-Sportvorstand: Hasan Salihamidic (rechts) scheitert hier am wiederholt überragend haltenden Roscher Torhüter Oliver Wende und Mittelfeldspieler Hans-Hermann Bunge.
  • Bernd Klingebiel
    VonBernd Klingebiel
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Am Tag vor dem großen Jubiläumsspiel zum 75-jährigen Bestehen des SV Rosche ist der Hamburger SV am 18. Mai 1996 durch einen 4:1-Sieg in Frankfurt nach Toren von Karsten Bäron (2) und Hasan Salihamidic (2) überraschend noch auf einen UEFA-Cup-Platz geklettert.

Rosche/Uelzen – Früher war alles besser. Sagt der Volksmund. Zumindest war früher alles irgendwie anders. Sagt ein Blick in die AZ-Archive. Die Fußball-Bundesliga gastierte fast regelmäßig zu Freundschaftsspielen im Landkreis Uelzen. In dieser Folge: UEFA-Cup-Teilnehmer HSV in Rosche und Holdenstedts Fast-Sensation gegen Aufsteiger FC St. Pauli.

Hamburgs Nationalspieler Jörg Albertz bahnt sich seinen Weg von der Kabine auf den Rasen, umringt von den Autogrammjägern in Rosche.

Vor den dann später folgenden großen Partien auf internationaler Bühne gegen Celtic Glasgow, Spartak Moskau und letztlich den AS Monaco bekommen es die Hanseaten aber noch mit dem Roscher Landesligisten zu tun.

SV Rosche: 36.000 D-Mark Antrittsprämie für den HSV

Dessen stets rühriger Fußballobmann Gernot Hoffheinz hat zum Jubiläum unbedingt eine Bundesligamannschaft nach Rosche holen wollen. Er nutzt die guten Verbindungen von Dieter Grigull, der es schafft, den HSV zu verpflichten. Laut Verein zu nicht unerheblichen Konditionen: 36 000 D-Mark Antrittsprämie plus 2500 DM Reisekosten.

Das Zuschauerinteresse an jenem 19. Mai 1996 ist enorm. Etwa 1300 Eintrittskarten sind bereits im Vorverkauf abgesetzt. „Wir waren finanziell schon aus dem Schneider“, weiß Ex-Trainer und Förderer Peter Hallier. Am Sonntag tummeln sich dann 2030 zahlende Fans auf dem Gelände.

Der Bundesliga-Fünfte um Trainer Felix Magath hat auf der Durchreise alle Stars an Bord. Wie den Nationalspieler Jörg Albertz. Sportlich gibt es für die Gastgeber beim 1:9 eine Niederlage, die um ein Tor zu hoch ausfällt. „Mehr als acht Gegentreffer sollen es nicht werden“, hat SVR-Coach Karsten Huhnke vor dem Anpfiff gestoßbetet. Immerhin endet die Partie nicht zweistellig.

Uwe Schneider (rechts, mit Ulrich Burgdorf und Andreas Meyer) glückte mit einem Schuss aus der zweiten Reihe das Roscher Ehrentor (am Ball Jürgen Hartmann).

Der HSV präsentiert sich zunächst als Hamburger Spar-Verein. Nur drei Tore im ersten Durchgang! Rosches Uwe Schneider gelingt nach glänzender Vorarbeit von Ulrich Burgdorf und Sven Henniger kurz nach dem Seitenwechsel sogar das 1:3 (52.). Bei den Hanseaten erweisen sich Karsten Bäron (13., 84.), Jörg Albertz (31.), Elard Ostermann (42.), André Breitenreiter (60., 63.), Harald Spörl (61., 82.) und der nach einer Stunde in den Sturm gewechselte Keeper Richard Golz (80.) als treffsicher.

„In der ersten Halbzeit haben wir uns gut geschlagen, dann viel durchgewechselt. Jeder sollte spielen“, erinnert sich Hans-Hermann Bunge (55) an die verspätete Gegentorflut. Er selbst will natürlich auch gegen den HSV kicken, obwohl er sich kurz zuvor eine Oberschenkelzerrung eingefangen hat. „Ich war jeden Tag bei Dr. Hoffheinz. Strom, Wärme, Salben. Ich musste fit werden, egal wie.“ Die Blitzkur wirkt. Bunge steht in der Start-Elf.

St. Pauli beim SV Holdenstedt: „Bist nur am Staunen“

Besuch aus Hamburg hat im Jahr zuvor auch der SV Holdenstedt. Vom ewigen HSV-Rivalen. Am 20. Juni 1995 empfangen die Lila-Weißen zum 75-jährigen Vereinsbestehen den frischgebackenen Bundesligaaufsteiger FC St. Pauli. Die Partie haben Rainer Rösner und sein Schwiegersohn Jens Rasmussen eingefädelt, als die Kiez-Kicker noch Zweitligist sind. „Sie hat den SV Holdenstedt nur eine Summe im mittleren fünfstelligen D-Mark-Bereich gekostet“, heißt es in der Vereinsfestschrift von 2020.

„Das war wohl das schönste Fußballspiel meiner aktiven Zeit, ein echtes Highlight“, blickt Axel Feige 36 Jahre später zurück. Er hat beim 3:5 eines der Holdenstedter Tore erzielt. 1300 Zuschauer. „An der Bande gab es nicht einen einzigen freien Platz. Du kommst aus der Kabine und bist nur am Staunen. Hinzu kommt natürlich auch das gewisse Kribbeln“, beschreibt Feige sein damaliges Gefühlskarussell.

Der SV Holdenstedt schnuppert gegen St. Pauli an der Sensation

Er steht in der Startformation. „Wir haben uns beachtlich geschlagen, wie am Ergebnis zu sehen ist. Ein wenig kam uns entgegen, dass die Kiez-Kicker den Aufstieg wohl vorher gefeiert hatten“, weiß der Holdenstedter.

Die Fans in Holdenstedt sahen einen schwachen Auftritt des Bundesligaaufsteigers FC St. Pauli.

Gleichwohl muss man als nur knapp dem Abstieg entronnener Bezirksklassenvertreter auch erstmal einen Treffer gegen St. Pauli zustandebringen. Feige: „Unser erstes Tor hat sie sehr überrascht. Da hatte ich auf Sascha Klinger einen langen Ball gespielt. Den versenkte er zum Staunen der Zuschauer.“ Kult-Keeper Klaus Thomforde („das Tier im Tor“) hatte schwer gepatzt. Pausenstand 1:3 nach Gegentreffern von Carsten Pröpper und des achtfachen sowjetischen Nationalspielers Juri Sawitschew (2). Im zweiten Durchgang erhöht Sawitschew auf 1:4. Jörg Brüggemann verkürzt. Feige vollendet zum 3:4-Anschluss: „Ich umkurvte Thomforde nach herrlichem Zuspiel. Ein perfektes Freundschaftsspiel, das ich niemals vergessen werde.“

Der SV Holdenstedt (hinten verdeckt) beginnt gegen den FC St. Pauli mit Kapitän Thomas Lowin, Torwart Carsten Meyer, Thorsten Ostrowski, Thomas Rogge, Frank Gierke, Jörg Brüggemann, Torsten Heß, Bernd Hinz, Sascha Klinger, Axel Feige und Michael Hinz.

Die Lila-Weißen von Trainer Rolf Meyer schnuppern an der Unentschieden-Sensation, ehe Scharping für die Hanseaten auf den 3:5-Endstand stellt (88.).

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