Sehbehinderter Karl Hanstedt aus Bad Bevensen bekommt die Spielsituationen bei seinem Besuch im Bremer Weserstadion via Kopfhörer genau geschildert

Fußball zwischen den Ohren

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„Ein tolles Erlebnis“: Der sehbehinderte Karl Hanstedt (links) genießt das Match im Bremer Weserstadion. Über Kopfhörer bekommt er die Spielsituationen genau geschildert. Der befreundete Wolfgang Schönfeld darf ihn dabei begleiten. 

Bremen/Bad Bevensen – Das Bremer Weserstadion ist barrierefrei – auch beeinträchtigte Menschen können sich Fußballspiele anschauen. So wie der sehbehinderte Karl Hanstedt aus Bad Bevensen, der das Fußballspiel mit den Ohren „sah“.

Den Sehbehinderten wird das Spiel detailliert beschrieben. So auch das Duell des Heidenheimers Sebastian Griesbeck (links) gegen Werders Philipp Bargfrede und Sebastian Langkamp. 

Es ist ein nasskalter Mittwochabend in Bremen. Die Straßenbahnen sind voll, der Verkehr stockt. Einige Fußball-Fans gehen zu Fuß in Richtung Weserstadion. Immerhin ist es nicht mehr lange, bis das DFB-Pokal-Spiel von Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim angestoßen wird. Unter den 38 663 Zuschauern: Die Bad Bevenser Karl Hanstedt und Wolfgang Schönfeld. Sie entscheiden sich aber anders. Beide bekommen doch noch einen Platz in der proppenvollen S-Bahn, kommen aber zu spät an. Gut zehn Minuten sind schon gespielt, da führt Werder bereits 2:0. Tor drei des Weserstadions passiert, nehmen beide ihre Plätze ein. Während andere das Geschehen mit bloßem Auge verfolgen, entwickelt sich die Pokal-Partie für Hanstedt zu einem Hörspiel. Als Liveübertragung über Kopfhörer.

Fußball aufs Ohr

Vor gut 20 Jahren trat die Sehbeeinträchtigung bei Hanstedt ein. „Seitdem wurde es immer weniger mit dem Sehen“, erzählt Schönfeld. Umrisse kann der ehemalige Hobby-Fußballer noch erkennen. Wenn es sehr hell wird, wie etwa das Flutlicht im Weserstadion, dann ist aber nichts erkennbar.

Über vom Verein gestellte Kopfhörer bekommt er von einem Werder-Reporter das Spiel kommentiert, wenn auch nur über ein Ohr. Über das andere möchte er die Stimmung aufsaugen. „Ihm geht es um die Atmosphäre“, berichtet Schönfeld. Die Reporterstimme erzähle wie im Radio. Schönfeld: „Ich finde das sehr gut. Ich wusste vorher nicht, dass es so etwas gibt.“

Hör- und Geruchssinn

Eingeladen hat Hanstedt. „Er wollte mir mal etwas Gutes tun, nachdem er sagte, ich hätte ja schon so vieles für ihn gemacht“, erzählt Schönfeld. Die beiden haben ab und zu miteinander zu tun. Fortan wohl öfter: „Es ist ein tolles Erlebnis. Karl will bei anderen Vereinen versuchen, Karten zu bekommen.“

Das Spiel wird im Verlauf zu einer einseitigen Sache, auch, weil Werder bereits nach 41 Minuten 4:0 gegen den Zweitligisten führt. Heidenheim bleibt nur der Ehrentreffer. Doch es ist nicht nur der Hörsinn, der für Hanstedt wichtig ist. Ob Bierchen, Bratwurst oder gar der Rasen im Weserstadion – auch der Geruchssinn spielt eine Rolle. „Er ist ganz begeistert davon“, freut sich Schönfeld mit seinem Kompagnon.

Durchsetzung gefragt

Noch nicht jeder kann mit dem Thema Inklusion umgehen. Auch im Stadion ist es teils ein Problem. „Man muss sich durchsetzen, weil noch nicht alle Rücksicht nehmen“, betont Schönfeld. Dafür hat Hanstedt aber seinen Stock dabei. Ein Symbol dafür, dass auf ihn zu achten ist.

Unvergesslicher Tag

4:1 geht das Spiel aus. Die Stimmung ist gut, auch wenn es zwischendurch zu Tumulten zwischen den Bremer Ultras und der Polizei kommt. „Bei Werder sind die Betreuer alle super“, ist Schönfeld glücklich. Sie ermöglichen Hanstedt und vielen weiteren Menschen mit Beeinträchtigungen ein tolles Erlebnis. Hanstedt schwärmt deshalb von diesem einmaligen Erlebnis. „Er ist ganz aufgeregt“, ist Begleiter Schönfeld glücklich.

Und so wird viel geplauscht auf dem Rückweg, auf dem alles reibungslos abläuft. Ein wunderbarer (Hör-)Abend für das Bevensen-Duo.

VON ROUVEN PETER

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HINTERGRUND

Fußball-Hörspiel – wie Radio, nur detaillierter

Zahlreiche Profi-Fußballklubs bieten sehbehinderten Personen die Chance, ein Bundesligaspiel zu besuchen. Im Bremer Weserstadion befinden sich die entsprechenden Plätze nah am Rasen. Über Tor drei gelangen die beeinträchtigten Fans samt Begleitperson zu ihren Plätzen – ob Rollstuhlfahrer oder eben Sehbehinderte. Es befinden sich bislang zehn Plätze für Sehbehinderte in Block 20 und der ersten Reihe der Nordgeraden des Weserstadions.

Die Sehbehinderten bekommen vor dem (Hör-)Spiel von einem Werder-Verantwortlichen Kopfhörer. Über diese schildert Kommentator Florian Reinecke detailgetreu das Spielgeschehen. 90 Minuten lang wird über alle Ballkontakte und Spielzüge sowie Aktivitäten auf den Rängen oder den Trainerbänken berichtet. Der Reporter sitzt auf der Nordtribüne bei den Fans, nicht etwa in einer Sprecherkabine. Das Ganze erinnert an eine Radioreportage, ist aber noch wesentlich detaillierter.


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