„Fußball war Kopfurlaub“

Emotionale Rückkehr im Rollstuhl: Gerdaus „Laufteufel“ Sascha Kirchhecker besucht Heimatklub

Er ging gesund ins Bett und wachte gelähmt auf. Für Sascha Kirchhecker änderte sich das Leben über Nacht auf dramatische Weise. Seine früheren Gerdauer Mitspieler überreichten dem 45-Jährigen vor Kurzem zur Erinnerung an seine Fußballzeit ein handsigniertes MTV-Trikot. 
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Er ging gesund ins Bett und wachte gelähmt auf. Für Sascha Kirchhecker änderte sich das Leben über Nacht auf dramatische Weise. Seine früheren Gerdauer Mitspieler überreichten dem 45-Jährigen vor Kurzem zur Erinnerung an seine Fußballzeit ein handsigniertes MTV-Trikot.

Gerdau – Er ging gesund ins Bett und wachte querschnittsgelähmt auf! Über Nacht änderte sich das Leben von Sascha Kirchhecker auf dramatische Weise. Der frühere Kicker des MTV Gerdau leidet an einer ganz seltenen Krankheit.

Über 30 Jahre spielte Sascha Kirchhecker (links) für den MTV Gerdau. Fußball bot ihm die willkommene Abwechslung zum stressigen Berufsalltag.

Bei einem Besuch seiner Ex-Mitspieler ließ der 45-Jährige für einen Nachmittag seinen brutalen Alltag hinter sich. Mehr als 30 Jahre trug Kirchhecker das Trikot des MTV Gerdau und war bekannt für seine robuste Spielweise und den unbändigen Einsatzwillen. „Ich wollte niemals verlieren und war körperlich viel aktiv. Jetzt hat sich das Leben für mich total geändert“, erzählt der Gerdauer. „Er ist gerannt wie ein Teufel, lief mit Mitte 30 den 20-Jährigen davon“, erinnert sich Gerdaus Vorsitzender Egbert Giese. Nun sitzt Kirchhecker im Rollstuhl.

Über Nacht ändert sich sein Leben

Auch das noch! Als Inhaber des Schaustellerbetriebes Kirchhecker hat der 45-Jährige wegen Corona seit März 2020 keine Aufträge.

Es passierte 2019. Der damals 44-Jährige ging kerngesund ins Bett. Als er aufwachte, konnte er sich – ohne Vorwarnung – nicht bewegen. Im Schlaf bekam er eine Einblutung in die Wirbelsäule. Der spinale Infarkt ist eine ganz seltene Krankheit. Nach viermonatigem Krankenhausaufenthalt sitzt Kirchhecker im Rollstuhl und ist seit der besagten Nacht querschnittsgelähmt. Es gibt minimale Verbesserungen, die Prognosen sind aber düster. „Chancen habe ich nicht. Aber ich sehe es wie beim Fußball. Es ist erst vorbei, wenn der Schiri abgepfiffen hat.“

Trotz des Schicksalsschlags hat Kirchhecker seinen Heimatklub nicht vergessen und besuchte kurz vor dem Lockdown frühere Weggefährten beim Heimspiel gegen den SV Küsten II. Die Rückkehr: Sie verlief emotional. „Ich wollte die Jungs mal wiedersehen. Manche kenne ich schon aus der Jugend. Natürlich ist man aufgeregt. Es war auch Wehmut dabei.“ Der Sonntagsausflug tat gut und verdrängte für kurze Zeit all die Sorgen. Wie der Alltag im Rollstuhl ist, daraus macht Kirchhecker kein Geheimnis. „Es ist genauso beschissen, wie man sich das vorgestellt hat.“ Umso schöner verlief der Fußballnachmittag!

Fußball war seine große Leidenschaft

Obwohl die Mannschaft von dem Besuch nichts wusste, hatte sie ein längst vorbereitetes Geschenk parat und machte Kirchhecker nach Spielende eine Riesenfreude. Die Gerdauer überreichten ihrem früheren Spaßvogel ein Trikot mit seiner Rückennummer 9. Alle Spieler und vor Ort anwesende Fans hatten darauf unterschrieben. Seitdem hängt das Jersey bei ihm zuhause an der Wand und erinnert an eine unvergessliche Zeit: „Fußball war immer Kopfurlaub für mich. Ich konnte auf dem Platz gut abschalten.“

Als wäre die Krankheit nicht tragisch genug, ist Kirchhecker als Inhaber eines norddeutschlandweit tätigen Schausteller-Familienbetriebs auch von der Corona-Krise massiv betroffen und hat seit Monaten null Aufträge. Dass seine Branche stillgelegt wurde, empfindet er als große Ungerechtigkeit. „Im Sommer durften alle in Urlaub fahren, die Züge waren rappelvoll, Parks durften aufgesucht werden, die Innenstädte waren voll. Aber der Festplatz durfte nicht öffnen. Da stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht“, fühlt er sich von der Politik ungerecht behandelt. Die für diesen Monat von der Bundesregierung zugesagten 75 Prozent des Umsatzes aus November 2019 seien für ihn „ein Tropfen auf den heißen Stein. Es muss eine vernünftige Entschädigung kommen“, fordert er.

Es ist nicht nur der finanzielle Aspekt, sondern – ähnlich wie beim geliebten Fußball – die große berufliche Leidenschaft, die ihm (vorerst) genommen wurde. „Ich liebe es, und ich vermisse es.“

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