AZ-Archivperlen: Die Bundesliga in Uelzen

Hansa Rostock geizt in Ripdorf mit Trikots, aber nicht mit Toren

Mannschaften laufen ein
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Hand in Hand: Der Bundesligist aus Rostock (links Kapitän Timo Lange) und die Gastgeber laufen mit Ripdorfer G- und F-Junioren und unter der Leitung von Schiedsrichter Carsten Kadach (rechts) ein. Mittlerweile kämpft Hansa um eine Rückkehr in die 2. Liga.
  • Bernd Klingebiel
    VonBernd Klingebiel
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„Eine gewisse Nervosität war natürlich da“, erinnert sich Germania-Verteidiger Thorsten Raabe ganz genau an den 15. Juli 2000. Fußball-Bundesligist FC Hansa Rostock gastiert in Ripdorf.

Uelzen-Ripdorf – Früher war alles besser. Sagt der Volksmund. Zumindest war früher alles irgendwie anders. Sagt ein Blick in die AZ-Archive. Die Fußball-Bundesliga gastierte fast regelmäßig zu Freundschaftsspielen im Landkreis Uelzen. Heute: Die Hansa-Kogge ankert in Ripdorf.

Bayern München ist wie immer deutscher Meister. Alles andere mutet heutzutage exotisch an: Der Hamburger SV und TSV 1860 München stehen in der Champions-League-Qualifikation, Kaiserslautern im UEFA-Pokal, Unterhaching schafft den Klassenerhalt in der 1. Liga. Und der FC Hansa Rostock legt auf dem Heimweg aus einem Trainingslager einen Zwischenstopp in Ripdorf ein.

Hansa-Fans in der Hansestadt: 1450 Zuschauer drängen sich um den Ripdorfer Sportplatz.

Der Bundesligist gewinnt das Testspiel gegen den gastgebenden Bezirksligisten mit 9:0 (5:0). Vor allem Hansa-Neuzugang René Rydlewicz füttert den zweifachen Torschützen Steffen Baumgart & Co im Rostocker Sturm immer wieder mit Maßflanken, lobt die AZ den sympathischen Auftritt der Gäste. Die weiteren Treffer erzielen Marcus Lantz, Kreso Kovacec, Slawomir Majak, Magnus Arvidsson, Matthias Breitkreutz und Abdelaziz Ahanfouf (2).

1450 Zuschauer zwängen sich um den Sportplatz. Raabe: „Mit meinen 20 Jahren war das natürlich ein absolutes Highlight. Daher haben wir uns auch schon zwei Stunden vorher warm gemacht. Vor so vielen Zuschauern!“

Steffen Baumgart: Neue Trikots werden nicht verschenkt

„Mit meinen 20 Jahren war das natürlich ein absolutes Highlight“, erinnert sich Ripdorfs Verteidiger Thorsten Engel (links, gegen Slawomir Majak) an die Partie.

Als die Rostocker in Ripdorf ankommen, nutzt er die Gelegenheit und fragt Baumgart gleich mal nach dessen Trikot nach Spielende. Der jetzige Trainer des SC Paderborn 07 hat während seiner Karriere in 225 Bundesliga-Spielen für Rostock, Wolfsburg und Cottbus 29 Tore erzielt, läuft in der Zweiten Liga insgesamt 142 Mal auf (36 Tore). Ein Trikot hat er in Ripdorf aber nicht übrig: „Er meinte nur, dass sie neue bekommen haben und es nichts wird. Erste Niederlage“, lacht Raabe.

Leer geht Ripdorfs Kicker aber nicht aus. Vor dem Spiel hat er Peter Kaplan, der federführend die Partie gemeinsam mit Wolfgang Schwerter organisiert, gebeten, dass alle Rostocker auf dem Spielaushangplakat unterschreiben mögen. Raabe: „Einige haben es gemacht. Ich habe es mit dem AZ-Bericht als Erinnerung noch heute an der Wand hängen.“

Geschenke bekommen auch andere Ripdorfer. Andreas Hatt, Michael Klär und Uwe Engel gehören gar nicht mehr zum aktuellen Kader der 1. Herren, sind bereits im Juli 1999 mit einem Abschlussspiel offiziell verabschiedet worden. Trainer Hartmut Kolatte aber würdigt deren Verdienste um den Verein auch nachträglich noch mal und nominiert das Trio. Engel: „Es war ein erstaunlich großer Kader – unsere Ersatzbank reichte dafür platzmäßig nicht aus.“

Der Mittelstürmer ist aus dienstlichen Gründen erst kurz vor dem Anpfiff in der Arena. „Es war eine erstaunliche Kulisse, absolutes Gänsehautfeeling!“ Laute Fanfarenklänge, unzählige Fahnen und gezündete Pyrotechnik, die kurz vor dem Anpfiff die Sicht vernebelt.

Das „sanfteste Foul“ gegen Ripdorfs Stürmer Uwe Engel

Engel wird eingewechselt. Wegen der erdrückenden Überlegenheit des Bundesligisten ist es aber kein Spiel für einen Stürmer. Und doch hat auch er seinen großen Moment: „Es tummelten sich wohl 21 Spieler in unserer Hälfte, als ein langer Ball in den freien Raum des Rostocker Feldes geschlagen wurde. Ich sprintete auf der linken Seite, Höhe der Mittellinie, Richtung gegnerisches Tor. Mein Gegenspieler hatte sich wohl etwas verschätzt und musste sich erst drehen, um die Verfolgung aufzunehmen“, schildert Engel. Ball und Hansa-Keeper vor ihm, ein Verteidiger mittlerweile wieder dicht im Nacken. Engel: „Kurz vor dem Strafraum erinnerte ich mich noch an Hardy Kolattes Worte: Wir wollen maximal einstellig verlieren, ansonsten schießen wir wenigstens ein Tor!“

Die Ripdorfer (Torwart Gerrit Gadau) wehren sich tapfer gegen den Bundesligisten.

Doch Engel kommt nicht zum Schuss: „Plötzlich verspürte ich eine leichte Berührung an meiner hinteren angehobenen Ferse, im nächsten Moment kreuzten sich meine Unterschenkel und ich kam zu Fall. Das war wohl mit Abstand das sanfteste Foul, das ich jemals hinnehmen musste.“ Es folgt ein Pfiff, der Kontrahent reicht ihm die Hand, zieht ihn hoch. Engel: „Er sagte sinngemäß mit einem verschmitzten Lächeln, dass er das einfach nicht habe zulassen können – es gehe auch bei ihnen um Stammplätze.“

Begehrt: Auch die Ripdorfer Kicker (Holger Servotki) schreiben Autogramme für die Fans.

Kolattes Wunsch wird wahr. Zwar bleibt der Freistoß nach dem Foul gegen Engel ohne Torerfolg, doch zweistellig wird die Niederlage auch nicht. „Wir wollten zeigen, dass wir als Bezirksligist auch Fußball spielen und die Bälle nicht nur hinten raus dreschen“, erklärt der Trainer nach dem Schlusspfiff. Hansa-Coach Andreas Zachhuber pflichtet ihm bei: „Die sind fair, spielen gut mit, das ist okay.“

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